Zeitung Heute : NUR NOCH 15 VON 21 GESTARTETEN MANNSCHAFTEN DABEI: 103 Fahrer halten die Tour de France am Leben

NEUCHATEL .103 Fahrer versuchten gestern, die 85.Tour de France notdürftig am Leben zu halten.Einen Tag nach der anullierten 17.Etappe sicherte sich in Neuchatel in der Schweiz der Belgier Tom Steels den Tagessieg nach 218,5 km vor Erik Zabel (Unna), der zum dritten Mal Zweiter wurde, aber erneut den Erfolg knapp verpaßte.Für Steels war es bereits der dritte Tagessieg.An der zusammengeschrumpften Spitze des Gesamtklassements brachte die letzte Alpenetappe mit nur noch leichten Steigerungen keine Veränderungen: Marco Pantani aus Italien führt weiter mit 5:56 Minuten vor dem drittplazierten Toursieger des Vorjahres, Jan Ullrich aus Merdingen.Der Amerikaner Bobby Julich liegt vor dem entscheidenen Einzelzeitfahren am Sonnabend in Le Creusot über 52 km weiter sieben Sekunden vor dem Telekom-Kapitän.

An den Start der 18.Etappe, von der bis 11.38 Uhr in Aix-Les-Bains nicht feststand, ob sie stattfindet, gingen nur noch 15 von 21 gestarteten Mannschaften.Nach der Suspendierung des Festina-Teams durch die Tour-Organisation wegen erwiesenen Dopings und dem Aussstieg der spanischen Mannschaften Once, Kelme, Vitalicio und Banesto während des Bummelstreiks am Vortag, konnte gestern auch der 27jährige Rodolfo Massi vom französischen Casino-Team nicht am Start erscheinen.Der Träger des rot-weißen Bergtrikots wurde von der Polizei im Zuge der umfangreichen Doping-Ermittlungen verhört.Seine Mannschaftskollegen wollten darufhin kollektiv auf einen Start verzichten, mußten aber auf Druck des Sponsors, einer französischen Supermarktkette doch antreten.Die französischen Ermittlungsbehörden hatten in Massis Zimmer am späten Mittwoch abend Cortison-Präparate gefunden, ihn aus seinem Quartier in einem Vorort von Chambery mitgenommen und in polizeiliches Gewahrsam überführt.Massi verliert damit sein Trikot als bester Bergfahrer.Der alleinige Besitz von Cortison ist noch kein schlüssiger Beweis für Doping.Massi ist der erste Fahrer, der durch das direkte Einwirken staatlicher Behörden an der Ausübung seines Berufs gehindert wurde.Es ist zu erwarten, daß Massi nun auf rechtlichem Weg zu einem Schadenersatz kommen will, da ihm hohe Prämien verloren gehen.Dies hat auch der Franzose Richard Virenque nach seinem Zwangsausscheiden mit dem Festina-Team angekündigt: "Ich war einer der Hauptfavoriten.Ich hatte mich auf diesen Wettbewerb vorbereitet, um ihn zu gewinnen, und man wirft mich heraus, ohne daß ich positiv getestet wurde.Das ist ungerecht." Seine Klage wird auf die Veranstaltergesellschaft Societe du Tour de France zielen.

Neben Festina und TVM führen die staatlichen Behörden noch Untersuchungen gegen Francaise de Jeux, Once, Casino und Big Mat.Bei diesen vier Teams hatte die Polizei am Mittwoch abend nach der Ankunft in Aix-les-Bains Razzien in den Quartieren vorgenommen.

Währenddessen hatte sich Bjarne Riis seine Hauptrolle ganz anders vorgestellt.Als Chef-Unterhändler mit der Tourleitung unter Direktor Jean-Marie Leblanc kehrte Riis ins Rampenlicht zurück."Ohne ihn wäre die Tour am Mittwoch zu Ende gegangen", sagte Telekom-Sportchef Rudy Pevenage.Das französische Fernsehen feierte den polyglotten Toursieger von 1996 als "großen Diplomaten".Riis faßte sein Engagement zusammen: "Ich habe alles versucht, die Tour zu retten.Wir Fahrer müssen jetzt zusammenhalten.Die durch die Polizei hergestellte Situation ist unerträglich.Ich habe nichts gegen nötige Untersuchungen, aber nicht so.Die TVM-Fahrer wurden gleich nach der schweren Bergetappe bis spät in die Nacht ohne Essen und Dusche verhört.Ihnen wurde Blut, Urin abgenommen, Haare ausgerissen, ihnen wurde in jede Körperöffnung geschaut.Das ist keine menschliche Behandlung." Leblanc hatte Riis zugesagt, daß die nötigen Polizeiaktionen unter anderen Bedingungen stattfinden würden.Die Polizei hatte sich an die Abmachungen gehalten, wie Riis am Start zur 18.Etappe gestern ausdrücklich feststellte, und so ein Weiterfahren ermöglicht.Toursieger Jan Ullrich sagte: "Ich war topdrauf und wollte weiter attackieren.Durch die Bummeletappe wurde wahrscheinlich meine letzte Chance vergeben, vor dem Zeitfahren Zeit gutzumachen.Aber was zählt in diesem Moment der Sport.Es gibt wichtigeres.Es war richtig, daß wir uns solidarisierten - die TVM-Fahrer, unabhängig ob sie schuldig sind oder nicht, wurden unmenschlich behandelt."

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