Zeitung Heute : Nur noch drei Prozent der Bevölkerung in Europa sind elektronische Analphabeten

Thomas Gack

Offenbar hat Eurostat, das Statistische Amt der EU in Luxemburg, resigniert. Was sich in Europas Kommunikationsnetzen, Satellitenverbindungen und Bildschirmen abspielt, verändert sich einfach zu schnell - selbst für die längst voll computerisierten Luxemburger Datensammler von Eurostat. Fast klingt Fons Theis, der Sprecher der EU-Statistikbehörde, wie der Hase nach dem Wettlauf mit dem Igel: " Bevor wir was veröffentlichen können, ist es schon veraltet." Weder in Luxemburg noch in Brüssel oder anderswo sind deshalb verlässliche Daten über die Nutzung des Internets in Europa zu erhalten. Die wilde Wirklichkeit der elektronischen Revolution ist auch in Europa stärker als der ordnende Wille von Politik und Verwaltung.

Die Trends der Entwicklung allerdings sind bekannt. Sie sind aus dem statistischen Material seit Mitte der 90er Jahre zu lesen. Die Nutzung der Elektronik nimmt auch in der Europäischen Union sprunghaft zu. Computer und Modem-Anschlüsse in den Privathaushalten sind in Europa noch nicht so verbreitet wie Waschmaschinen oder Kühlschränke. Das Wissen um ihre Bedeutung im modernen Leben und das Interesse an ihrer Nutzung ist aber auch dort groß, wo der PC wie in Griechenland oder Portugal noch nicht zur Standardausrüstung der bürgerlichen Mittelklasse gehört. Haben noch 1995 rund 44 Prozent der Europäer nicht gewusst, was das Internet ist, so sind die elektronischen Analphabeten heute europaweit nur noch eine verschwindende Spezies von unter drei Prozent der Bevölkerung.

"Dennoch sind uns die Amerikaner ein bis zwei Jahre voraus", sagt Reinhard Büscher, der sich in der Brüsseler EU-Kommission seit Jahren mit Industriepolitik beschäftigt. Dabei haben die Europäer für die Nutzung von Telekommunikation und Elektronik in der Wirtschaft vielfach verlässlichere juristische und politische Rahmenbedingungen geschaffen als die Amerikaner. Die Europäische Union hat die gesetzlichen Weichen für den elektronischen Handel längst gestellt. Erst vor kurzem hat das Europaparlament die Richtlinie über die "elektronische Signatur" verabschiedet, die Vertragsabschlüsse und Kaufverträge von Computer zu Computer ermöglicht. Dennoch fehlt den Europäern die bedenkenlose wirtschaftliche Dynamik, die sich in den USA entwickelt hat. Außerdem wird die neue Technik in Europa von Land zu Land sehr unterschiedlich angenommen. In Schweden und Dänemark zum Beispiel stehen in mehr als 60 Prozent der Privathaushalte Computer - eine dichtere Verbreitung als in den USA, in der rund die Hälfte der Haushalte mit PC ausgerüstet sind. In wirtschaftsschwachen Ländern wie Griechenland, Irland, Portugal dagegen ist die immer noch teure Elektronik weit weniger in das Privatleben der Menschen vorgedrungen. Erstaunlich ist jedoch, dass in einem reichen Land wie Deutschland der Computer zwar im Berufsleben längst zum gewohnten Arbeitsinstrument geworden ist, in den Privathaushalten jedoch lediglich durchschnittliche Verbreitung gefunden hat.

"Wieviel PCs in den Haushalten stehen, ob die Verbraucher ihre Bücher oder CDs per Internet kaufen, hat für die Wirtschaft derzeit vergleichsweise noch geringe Bedeutung", meint der EU-Experte Reinhard Büscher. "Wirklich entscheidend ist das elektronische Geschäft von Unternehmen zu Unternehmen". Längst haben sich große Unternehmen wie VW, die Lufthansa oder Kaufhof auf den elektronischen Geschäftsverkehr eingestellt. Angebote, Ausschreibungen werden von Computer zu Computer abgewickelt. Die EU-Kommission war in den vergangenen Jahren bemüht, einen möglichst offenen rechtlichen und politischen Rahmen für die künftige Informationsgesellschaft zu schaffen. Andererseits muss Brüssel mitansehen, wie der erst vor wenigen Jahren mühsam geschaffene Binnenmarkt wieder gespalten wird - dieses Mal nicht mehr durch Staatsgrenzen, sondern von den unterschiedlichen elektronischen Systeme der großen Unternehmen, die den Markt beherrschen. Um Zugang zu den großen Kunden zu erhalten, müssen die kleinen und mittleren Unternehmen mehrere unterschiedliche elektronische Systeme installieren und viel Geld investieren.

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