Zeitung Heute : Nur ohne Milosevic kommt der Frieden

CLAUDIA LEPPING

Als hätten der Westen und Moskau nichts aus Bosnien gelernt, bleiben selbst nach Tagen heftiger Gefechte, Vertreibung und Verschleppung NATO-Einsätze aus.Schließlich ist nun auch in Brüssel Sommerpause, welch Hohn.Die vier Optionen, die von der NATO formuliert wurden, sind lediglich Papiertiger.Keine der Drohungen wird wahr: weder Bodentruppen noch Luftangriffe, weder eine Trennung der Kampfparteien noch die Abriegelung der Grenzen.Selbst wenn sich der UNO-Sicherheitsrat auf (dann wohl wirtschaftliche) Zwangsmaßnahmen verständigte, wären weder die Kosovo-Albaner geschützt noch die Aggressoren gebremst.Dabei zeigte der Bosnienkrieg, daß nur Gewalt die Gewalt beendet.

Für die selbsternannten Befreiungskämpfer der UCK ist diese Entwicklung Wasser auf ihre Mühlen.Kompromißlos und mit Waffengewalt übernehmen sie die Rolle der Widerstandshelden und kämpfen, wofür es völkerrechtlich keine Grundlage gibt - für die Unabhängigkeit Kosovos von Serbien.Auf der anderen Seite lacht sich Jugoslawiens Staatspräsident Milosevic ins Fäustchen: Seit er seinen Spezialeinheiten den Befehl zur Vertreibung der Albaner gab, steht die internationale Gemeinschaft wortgewaltig, aber tatenlos an den Grenzen des Balkans: Der Bruderzwist geht weiter; es ist wie damals in Bosnien.

Eine internationale Konferenz erwägen Bonn und Paris nun, ein kleines Dayton.Dies ist nicht neu - die Idee zu einer internationalen Kosovo-Runde entstand Anfang Dezember bei der Bonner Bosnien-Konferenz.Als Reaktion darauf verließen die Serben den Petersberg, und der Westen quittierte dies mit einer gewissen Genugtuung.Dabei blieb es.Nun will er den Sprung schaffen, gaukelt sich aber wieder etwas vor.Der Friedensvertrag von Dayton ist nach drei Prämissen zustandegekommen: Erstens hatten die im Sommer 1995 angeschlagenen Serben ein berechtigtes Interesse daran, die NATO-Luftangriffe durch ihr Ja zu Friedensgesprächen zu beenden.Zweitens beeilten sich ihre Kriegsgegner, die Kroaten, letzte Landgewinne gegen sie zu erzielen.Drittens einigten sich die Vereinten Nationen auf NATO-Angriffe.Heute, im Kosovo-Konflikt, gibt es weder NATO-Einsätze noch serbische Rückzugsgefechte noch den für alle militärischen Optionen notwendigen UN-Konsens.Schließlich nutzt der Serbe Milosevic aus, daß die Weltgemeinschaft heute ausbaden muß, ihm zuliebe in Dayton auf eine Kosovo-Lösung verzichtet zu haben.Seitdem tritt er die Minderheitenrechte der Albaner mit Füßen.

Milosevic ist aber auch verwundbar geworden.Drei Jahre nach Dayton darf der jugoslawische Präsident nicht mehr als Garant für den Frieden auf dem Balkan hofiert werden.Das beweist er in Kosovo täglich, und auch die Stabilität Bosniens wäre nicht mehr wie früher gefährdet, würde er von der politischen Bildfläche verschwinden: In der bosnischen Serbenrepublik regiert nach freien Wahlen mit Milorad Dodik ein daytontreuer Sozialdemokrat, der nach eigenen Worten unabhängig von Belgrad handelt.Denkbar, daß Milosevic deshalb und wegen seines schwindenden Einflusses auf die Teilrepublik Montenegro auf den Nebenkriegsschauplatz Kosovo ausweicht.Aber in der Serbenrepublik und in Montenegro zeigt sich, daß sein System dann politisch zu schlagen ist, wenn es demokratisch unterwandert wird.

Sollte sich die internationale Gemeinschaft ähnlich wie in Bosnien dazu durchringen können, in Kosovo nicht juristisch, aber de facto ein Protektorat einzurichten, würde Milosevic langfristig und endgültig auch dort verlieren.Serben wie Kosovo-Albaner müssen lernen, daß sich ein gemeinsamer Staat - wenn auch zunächst unter internationaler Verwaltung - lohnt und der Demokratieprozeß mit wirtschaftlichem Aufbau und Wohlstand honoriert wird.Grundsätzlich funktioniert auch Bosnien so.Und in Kosovo gibt es sogar Politiker, die diesen Kurs wollen: Führer von drei serbischen Parteien in Kosovo kehrten Milosevic den Rücken und plädieren für eine "demokratische Lösung".Es ist an Rugova, dem gemäßigten politischen Führer der Kosovo-Albaner, den Dialog zu beginnen, bevor ihn die UCK entmachtet.

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