Zeitung Heute : Nur Rauch aus Birmingham?

HEIK AFHELDT

Die Chefs der sieben führenden Industrienationen und Russland treffen sich in England: Man darf gespannt sein auf das, was die acht Gipfelherren zwischen den Gängen an konkreten Lösungen diesmal erarbeiten und verabschieden werdenVON HEIK AFHELDTDana International hat das Leitmotiv beim europäischen Schlagerwettbewerb letzte Woche vorgegeben, Guildo Horn die neue Beweglichkeit vorgeturnt.Der noch taufrische Genius loci sollte die Herren der sieben mächtigsten demokratisch verfaßten Wirtschaftsnationen der Welt und Rußland zu ähnlichen Leistungen motivieren, wenn sie heute in Birmingham zu ihrem 24.Gipfeltreffen seit 1975 zusammenkommen.Zwei von ihnen, der amerikanische Präsident und der amtierende deutsche Bundeskanzler haben dann noch Berliner Staub an ihren Schuhen und ganz frische Erinnerungen an das Tabakskollegium Friedrichs des Großen in Sanssouci.Eine seriöse Erfolgskontrolle der bisherigen, mit großem Aufwand vorbereiteten und von globaler Medienneugier begleiteten Treffen ist nicht ganz leicht.Der Ertrag ist umstritten und eher auf der langen Zeitachse zu suchen.Bei keiner Tagung hat es an großen Problemen gemangelt, über deren Bekämpfung sich zu einigen lohnend gewesen wäre.Der sinnvollste Grad und Pfad der weltweiten Liberalisierung etwa, die wachsende Kluft zwischen den reichen Ländern dieser Erde und den armen und ärmsten Entwicklungsländern, Arbeitslosigkeit, Sinn und Unsinn von einheitlichen Sozialnormen oder die ökologischen Probleme eines ungesteuerten Wachstums.Nachhaltige Entwicklung (sustainable development) war eine der Antwortformeln, Schuldenerlaß für die ärmsten Länder eine andere.Letztes Jahr in Denver/Colorado (USA) hat Gastgeber Bill Clinton angesichts der Wachstumsschwäche in Europa das "amerikanische Wunder" als Rezept angepriesen.Recht hatte er, aber nicht alle waren überzeugt von seiner bitteren Arznei.Jetzt in Birmingham bleiben die großen Themen wie das der Entschuldung der 41 ärmsten Länder der Welt oder der Risiken der Globalisierung weiter auf der Tagesordnung.Aktuell hinzugekommen ist die Einsicht, die internationalen Finanzmärkte und die Banken sehr viel effektiver kontrollieren zu müssen als bisher: Die Lektion aus der anhaltenden Krise in Indonesien und dem Absturz anderer hochfliegender ostasiatischer Drachen.Allerdings - wie schnell lernen wir wirklich? - war das Thema "Gefährdung der Stabilität des internationalen Finanzsystems" und die Forderung, den Internationalen Währungsfonds und seine Schwesterinstitutionen zu stärken, schon 1996 beim Lyoner Gipfel Thema.Auslöser waren damals die Mexiko-Krise und der Zusammenbruch der Barings-Bank.Gastgeber Tony Blair will dieses Jahr zwei eindeutige Schwerpunkte setzen: Die Schaffung von Arbeitsplätzen und den Kampf gegen das organisierte Verbrechen.Man darf gespannt sein auf das, was die acht Gipfelherren zwischen den Gängen an konkreten Lösungen diesmal erarbeiten und verabschieden werden - und dann noch gespannter auf die nachfolgenden effektiven Taten und Erfolge.Die Perspektiven für das Wirtschaftswachstum in ihren Reichen sind so gut wie schon lange nicht mehr.Aber die Verlierer der globalen Umwandlung in eine nachindustrielle Wirklichkeit in der Dritten Welt und innerhalb ihrer eigenen Grenzen verlangen nach konkreten Rezepten.Mit Rauch aus den Räumen des modernen Tabakskollegiums werden sie sich nicht zufrieden geben.Wenn die reichen Herren sich nicht um die Sorgen und das Wohlergehen der Armen kümmern, gerät das globale Dorf in Unordnung und Aufruhr.Dann sind auch die Villen der Wohlhabenden in Gefahr.Das ist die eigentliche Lektion aus der immer engeren internationalen Vernetzung.Wie hieß der Song von Dana International: Viva Victoria.

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