Zeitung Heute : Nur Suker schlägt die Armee vom blauen Himmel

MARTIN HÄGELE

NANTES .Masashi Nakayama hat ein Versprechen gegeben.Wenn er in vier Jahren wieder dabei sei bei der WM, werde er sich besser durchsetzen gegen diese europäischen Verteidiger, "die dich so geschickt festhalten, daß der Schiedsrichter nichts sieht." Dann werde er auch ins Tor treffen.Nakayama hat leise gesprochen nach dem 0:1 gegen Kroatien, und es handelte sich bei seinem Versprechen um ein typisch japanisches.Ein Italiener etwa viel stolzer ausgedrückt und auch den Kroaten ein bitterböse Sprüche mitgegeben.Ein deutscher Profi hätte gedroht: "Nächstesmal hauen wir die weg.Wir waren doch jetzt schon besser".

Aber bei der nächsten WM wird Nakayama auf der Tribüne des Stadions von Yokohama oder Osaka sitzen und darum beten, daß seinem Nachfolger mehr Glück beschieden sei als ihm damals in Nantes.Der Mittelstürmer wird dann 34 Jahre alt sein, aber sein Leben lang jene Szene vor Augen haben, wie er sich befreit hatte von allen kroatischen Aufpassern und der Traumpaß Nakatas auf ihn zuflog.Kein Abwehrspieler zerrte Augenblick an seinem Trikot, auch Torwart Drazen Ladic hatte er getäuscht.Doch irgendwie gelang es dem Keeper noch, seine Faust an den Ball zu bringen.Und so ist es in der 35.Minute beim 0:0 geblieben.

Auch Shoji, Masyuki Okano und Wagner Lopes hatten ihre Chancen.Trainer Okada führte seine gesamte Offensiv-Abteilung vor.Und jedem gelang es auch auf seine Art, die Kroaten ein bißchen zu erschrecken.Doch keiner davon besaß die Klasse Davor Sukers.Der Stürmer von Real Madrid hat den Ausschlag gegeben zugunsten der international anerkannten Fußballschule vom Balkan.Nach dem ersten 0:1 gegen Argentinien war der Klassen-Unterschied ebenfalls nur auf einen einzigen Namen reduziert worden: Gabriel Batistuta, beim AC Florenz über acht Jahre hinweg der erfolgreichste Goalgetter der Seria A.

Kein schlechter Trost für einen WM-Debütanten.Man hätte sich Günter Netzer hierhergewünscht, der den Neuling in seiner WM-Tabelle als 32.und Letzten eingestuft hatte.Der Grandseigneur der Regisseure hätte seinen Spaß daran gehabt, wie der japanische Wunderknabe Nakata die Kroaten im Kreis und laufen ließ.Und "Kaiser Franz" wäre eingefallen, was er vor sechs Jahren einmal im bis auf den letzten Platz gefüllten Olympiastadion von Tokio gefragt hatte: "Sind wir hier beim Fußball oder auf dem Friedhof?"

In Nantes sangen 20 000 Japaner wie Engländer, schrien wie Italiener, tanzten wie Brasilianer.Tausende von "Ultra Nippon" oder "Armee vom blauen Himmel" jubelten unter den zwei größten Fahnen hervor, die dieses Turnier bislang gesehen hat.Und die blauen Kartons und japanischen Zeitungsfetzen, welche die Anhänger der neuen Fußball-Nation vorm Spielbeginn von den Rängen flattern ließen, hätten ausgereicht für eine Schnitzeljagd von Nantes bis Tokio.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben