Zeitung Heute : Nur über ihre Leiche

SANDRA LUZINA

Christina Comtesses Tanztheater nach Patrick Süskinds "Parfüm" Er kann sich selbst nicht riechen, der Grenouille aus Patrick Süskinds Roman "Das Parfüm".Der Unhold, der keinen eigenen Geruch besitzt, versucht sich die Welt mit dem Geruchssinn anzueignen, mehr noch, er will ein Menschenparfüm von bislang unerreichter Vollkommenheit kreieren, so daß ihm keiner mehr widerstehen kann.Das Motiv menschlicher Hybris bekommt bei Süskind seine olfaktorische Variante.Dem schnüffelnden Schurken, der andere buchstäblich aussaugt, sie erst ab- und dann zugrunde riecht, ist Christina Comtesse auf der Riechspur.In "Der dritte Sinn", ihrer ersten Ensemblearbeit, gelingen der jungen Choreographin prägnante Szenen zwischen Witz und Aberwitz.Einige der herausragenden Tänzer-Darsteller aus der Kresnik-Truppe durften unter Beweis stellen, daß sie sich auch auf eine leichtfüßige Komik verstehen. Was eine "Enfleurage à froid" ist - ein Verfahren zur Gewinnung von Duftstoffen -, wissen alle Leser von "Das Parfüm"."Defleurage à froid" heißt nun der anspielungsreiche Untertitel der Produktion, die im 3.Stock der Volksbühne gespielt wird und den Zuschauer mit allen Sinnen einbezieht.Nur über ihre Leiche: der Weg zum perfekten Menschengeruch führt über den Mord an 25 jungen Frauen.Die reale Frau aus Fleisch und Blut ist Grenouille schnuppe, ihn lockt nur die duftende Essenz des Weiblichen.Das Jungfrauen-Kaltmachen wird hier als ein teuflicher Spaß zelebriert, das Morden als eiskalte Kunst vorgeführt. Marcelo Omine verkörpert das geniale Scheusal.Der ladykiller geht immer der Nase nach, er schnuppert und schnüffelt sich durch die Inszenierung, beriecht und berauscht sich an Körperteilen und Kleidungsstücken.Auch die Zuschauer werden einer permanenten Geruchsattacke ausgesetzt, haben immer die Nase voll.Bei der Geburtsszene verschlägt ein fischiger Gestank fast den Atem, und auch im weiteren Fortgang werden sie mit betäubenden Odeurs und aufdringlichen Düften traktiert.Der Geruchssinn, der als primitives Sinnesorgan, als tierisches Erbteil verpönt war, wird hier wieder ins Recht gesetzt.In hübsch parodistischen Szenen mokiert sich die Choreographin über den heutigen Sauberkeitsfimmel, wo der eigene Körpergeruch hinter betäubenden Duftwolken verschwindet.Und so dürfen die Tänzer schon mal ein neckisches Tänzchen mit Sprayfläschchen absolvieren. Aus Süskinds Roman destilliert Christina Comtesse reichlich rabenschwarzen Humor und haarsträubende Komik.In monströs-phantastischen Szenen gelingen ihr zudem groteske Körperbilder, fast schon surreale Anatomien.Eine Dame scheint nur aus einem lockenden Unterleib zu bestehen, die duftenden Schönen werden schon einmal gesichtslos dargestellt, jede Individualität verschwindet hinter wallenden Haarmähnen. Das Fetischisieren weiblicher Attribute, das Zerstückeln von Frauenkörpern - damit treibt die Inszenierung ein heimtückisch-aberwitziges Spiel.SANDRA LUZINAWieder am 17.und 18.Mai, jeweils 20 Uhr.

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