Zeitung Heute : Ob er noch wächst?

Von Tanja Stelzer

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Wenn sein Sohn ihn nervt, pflegt ein Bekannter zu sagen: „Sei still und wachs’!“ Mein Mann will die Methode jetzt auch bei Noah ausprobieren, denn unser Kind ist nicht nur ziemlich laut, sondern auch nicht gerade ein Hüne. In dem gelben Untersuchungsheft, das man bei der Geburt bekommt, gibt es ein Diagramm, in dem die Durchschnittsgrößen deutscher Kinder dargestellt sind. Noah rangiert immer am unteren Ende der Norm.

Für gewöhnlich werden Eltern, deren Kind nicht ganz ins Schema des gelben Heftchens passt, damit getröstet, dass die Daten aus dem Diagramm schrecklich veraltet sind. Heute nämlich werden Kinder viel größer als noch vor 20 Jahren. Eigentlich wäre also alles noch viel schlimmer, sagt Noahs Vater und lässt unser Kind allabendlich an der Messlatte im Kinderzimmer antreten. Obwohl unsere Messlatte so häufig benutzt wird wie wahrscheinlich in keinem anderen KinderHaushalt, sieht sie noch fabrikneu aus, keine Kerbe im Holz hat die Serie der Niederlagen besiegelt. Ich schätze, Noahs Vater hofft noch auf ein Wachstumswunder. Gäbe es Düngemittel für Kinder, ich glaube, er hätte schon einen Baumarkt leergekauft.

Ich versuche meinen Mann von den Vorteilen eines kleinen Kindes zu überzeugen: Wir müssen selten neue Klamotten kaufen und können uns kaum retten vor Leihgaben befreundeter Familien, deren Kinder Noah schon längst überragen. Unser Kind wächst im Geiste, dekretiere ich, aber es hilft nichts; der Vater fürchtet um die Zukunft seines Sohnes. Alle paar Tage zitiert er eine neue Studie: Große verdienen mehr! Große sind besser ausgebildet! Der Nachwuchs der sozialen Oberschicht überragt den der Unterschicht signifikant! Manchmal fragt mein Mann beim Abendessen: Sag mal, wie groß bist du noch mal? Dann brabbelt er: Summe der Größe von Mutter und Vater, geteilt durch zwei, plus 6,5... Oder er überschlägt, wie groß Noah wohl an seinem dritten Geburtstag sein wird, multipliziert die Zahl mit 1,27 und addiert 54,9 Zentimeter. Immer wieder probiert er eine neue Formel aus, die ihm ein höheres Ergebnis zu versprechen scheint als die vorherigen Versuche.

Vielleicht sind andere Männer nicht so exzessiv, trotzdem habe ich festgestellt, dass Väter im Gegensatz zu Müttern immer ziemlich genau wissen, wie groß und wie schwer ihr Kind ist. Wir Mütter finden selbstverständlich, dass die Berechnungen der Väter nichts weiter als postpubertäre Welcher-ist-länger-Vergleiche sind. Manchmal ertappen wir uns sogar bei dem wohligen Tagtraum, wie es wäre, wenn unsere Kinder nie groß würden. Als Noah erst ein paar Wochen alt war, wünschte ich mir jedenfalls, er würde immer so klein bleiben. Schon Einjährige erschienen mir unsagbar grobschlächtig.

Am Ende ist es natürlich so: Das Schöne am Elternsein ist, die Kinder beim Großwerden zu beobachten. Gerade habe ich gelesen, dass amerikanische Forscher herausgefunden haben: In manchen Fällen wachsen Kinder in nur 24 Stunden zwei Zentimeter. Aus Noah könnte also vielleicht doch noch ein Basketball-Star werden. Und bis der Tag des Wachstumswunders gekommen ist, darf ich auch noch ein bisschen träumen.

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