Obama in Berlin : Eine Säule für den Sieg

Mit Barack Obamas Auftritt in Berlin dringt Politik unübersehbar in eine neue Dimension vor. Seine Rede ist die Begegnung mit einer Gestalt, die bisher fast nur Projektionsfläche für Erwartungen und Hoffnungen ist.

Hermann Rudolph

Das Gerangel um den Ort seines Auftritts sollte nicht verdecken, was die Rede bedeutet, die Barack Obama heute hält: Sie ist eine Auszeichnung, für Deutschland ebenso wie für Berlin. Natürlich betreibt der demokratische Präsidentschaftsbewerber hier Wahlkampf, er will die Amerikaner erreichen, die ihn im November wählen sollen, und die Vermutung ist nicht falsch, dass die Berliner, die zu ihm an die Siegessäule pilgern werden, in erster Linie die Kulisse für seine Absicht abgeben, sich ein außenpolitisches Renommee zu verschaffen. Doch dagegen steht das politische Phänomen, zu dem diese Kandidatur geworden ist. Es macht die Rede zu einem Ereignis. Das seit langem faszinierendste Unterfangen, der Politik ein neues Profil zu geben, sucht sich die Hauptstadt des vereinten Deutschlands als Resonanzboden für seine Botschaft an Europa und das eigene Land.

Dahinter steht, keine Frage, die lange Affäre, die diese Stadt mit Amerika hat. Siegessäule oder Brandenburger Tor, absichtsvolle Geschichtspolitik oder Symbol für eine erfolgreich bestandene Herausforderung: Das Verhältnis der Amerikaner zu Europa hat seit dem zweiten Weltkrieg nirgendwo einen so politisch-emotionalen Charakter wie hier, übrigens auch – woran dieses Jahr des 68er-Palavers erinnert – Widerspruch erfahren. Obama stellt sich mit der Rede auf das Podest, das Kennedy, Reagan und Clinton mit ihren Berlinauftritten gezimmert haben. Und selbst wenn in dem für heute zu erwartenden Massenhype ein großer Schub von neuer Eventstimmung steckt, zeigt dieser Bezug doch, dass diese Erzählung von einer historischen Partnerschaft noch trägt.

Aber Obamas Auftritt in Berlin hat seinen Rang auch darin, dass mit ihm Politik unübersehbar in eine neue Dimension vordringt. Seine Rede ist die Begegnung mit einer Gestalt, die bisher fast nur Projektionsfläche für Erwartungen und Hoffnungen ist. Doch sein Erfolg spricht für ihn. Obama hat es vermocht, einem verbreiteten Unbehagen an der Politik die Vorstellung einer Erneuerung entgegenzustellen, der Stagnation den Wandel, dem Verdacht der zum Prinzip gewordener Unwahrhaftigkeit das Versprechen von Glaubwürdigkeit. Im normalen Gewürge des politischen Geschäfts sind das frappierende Paraden, dem Zeitgeist mitten ins Herz. Sie sind geeignet, den Glauben an die Politik wieder zu beleben. Das ist sehr viel in Zeiten, in denen alle nicht weiter wissen – auch dann, wenn vieles dafür spricht, dass Obama im Falle seiner Wahl den harten Realitäten einer amerikanischen Präsidentschaft seinen Tribut wird zollen müssen.

Die heutige Rede legt, versteht sich, den Vergleich mit den Vorgängern nahe – Kandidatenstatus hin, Präsidentenglanz her. Doch fallen dann vor allem die Unterschiede ins Auge. Kennedy 1963 und Reagan 1987 waren noch mit der Zweiteilung der Welt konfrontiert, und selbst die Perspektiven einer ungeteilten Welt, die Clinton 1994 beschwor, lebten noch ganz von der Erfahrung des großen politischen Schismas. Obama wird - und muss – einen ganz anderen Blick wagen. Denn er ist schon durch sein Alter, aber vor allem das Charisma seines Auftretens prädestiniert für die Aufgaben der Politik von morgen: die Neuorientierung in einer Welt, die von der Globalisierung geschüttelt wird und nach einer neuen Ordnung sucht.

Dass Obama seine außenpolitische Botschaft von Deutschland und von Berlin aus in den amerikanischen Wahlkampf schicken wird, mögen die Deutschen als Hinweis darauf lesen, welche Bedeutung ihnen von ihm, aber auch von Amerika insgesamt zugemessen wird. Das geht über die Lasten hinaus, die die Beobachter von Obama erwarten. Nirgendwo in der westlichen Welt waren die Erfahrungen der Veränderung der letzten beiden Jahrzehnte so einschneidend wie hier, und es gibt erst recht keinen Ort, an dem sie so zum Ereignis geworden sind wie in Berlin. Auch deshalb arbeitet dieser Amerikaner, der nach dem wichtigsten Amt der Welt greift, mit dem Mythos dieser Stadt daran, sich als Außenpolitiker zu erfinden.

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