Obama in Darwin : US-Strategie im Pazifik: Abschied von Europa

Es war eine Ankündigung von welthistorischer Dimension, aber in Europa fand sie nur wenig Resonanz.

von

Er habe die „strategische Entscheidung“ getroffen, dass die Präsenz der USA im pazifischen Raum künftig höchste Priorität genieße, erklärte Barack Obama diese Woche vor dem australischen Parlament in Canberra. Gleichzeitig kündigte der Präsident an, dass sein Land in der nordaustralischen Stadt Darwin einen Stützpunkt von Marine-Infanteristen etablieren und seine militärischen Bündnisse in der Region ausbauen werde.

Wären die Europäer aufmerksamer gewesen, hätten sie sich mit zwei unerfreulichen Entwicklungen auseinandersetzen müssen: Unausgesprochen hielt Obama in Canberra eine Art Totenrede auf die alte transatlantische Freundschaft. Er kündigte den exklusiven Bund seines Landes mit der alten Welt. Das stärkere Engagement in Asien wird zulasten Europas gehen – allen Beteuerungen zum Trotz. Gleichzeitig erklären sich die USA zur Konfliktpartei in einer Auseinandersetzung, die bisher zwischen asiatischen Ländern ausgetragen wurde.

Schon einmal hatte das abgelegene Darwin in den militärischen Planungen der USA eine wichtige Rolle gespielt: Im Zweiten Weltkrieg nutzte General Douglas MacArthur die Hafenstadt als Stützpunkt für die Kampagne zur Vertreibung des japanischen Aggressors aus dem Pazifikraum. 70 Jahre später heißt der Gegner China. Es geht noch nicht um Krieg, aber um militärisches Gleichgewicht und um Abschreckung.

Amerikas Einmischung bedeutet eine neue Form von Herausforderung, weshalb China scharf reagierte. Die neue US-Strategie richtet sich vor allem gegen den aggressiv vorgetragenen Anspruch Pekings auf das rohstoffreiche Südchinesische Meer, das auf die berechtigten Interessen südostasiatischer Ländern an diesen Schätzen wenig Rücksicht nimmt.

Es gibt gute Gründe, warum die USA ihre Präsenz in einer der dynamischsten Regionen dieser Erde verstärken und dafür starke Worte finden. Nicht weniger als die „Zukunft der Politik“ werde in Asien entschieden, kündigte Außenministerin Clinton im Vorfeld des ostasiatischen Gipfels auf Bali an diesem Wochenende an. Die USA würden „genau im Zentrum dieser Entwicklung stehen“. Es geht um eine Region, in der schon in wenigen Jahrzehnten die Hälfte der Weltbevölkerung leben wird und die dann die Hälfte der Weltwirtschaftsleistung erbringt.

Nur Europa droht bei dieser Entwicklung politisch außen vor zu bleiben und wird auf den Ausgang des Großkonflikts um das Südchinesische Meer auch keinen Einfluss haben. Erkennbare Anstrengungen, in wichtigen Ländern Südostasiens Präsenz zu zeigen, unternehmen weder Deutschland noch Europas Außenbeauftragte Ashton. Eine gemeinsame Strategie der Europäer für Asien ist nicht erkennbar. Unter der Elite der Region gilt die EU nicht als interessanter Partner oder Exporteur politischer Ideen, sondern wegen seiner Schuldenkrise vor allem als Risiko für die eigene Wirtschaft.

Noch immer lebt Europa in der Vorstellung, es sei Subjekt und nicht Objekt der Weltpolitik. Aber die Transformation der Welt nimmt keine Rücksicht auf Kleinstaaterei, die eine gemeinsame EU-Außenpolitik sabotiert. Das gilt auch für die Schuldenkrise. Wer sich nur um den Kassenstand von heute kümmert statt um seinen Einfluss von morgen, wird die Zukunft jedenfalls nicht gewinnen.

Autor

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

2 Kommentare

Neuester Kommentar