Obamas Amtseinführung : Gottesdienst der Demokratie

„Ein steiler, langer Weg liegt vor uns“, warnte er in den letzten Tagen. „Es wird schlimmer kommen, ehe es besser werden kann.“ Doch viele Hunderttausende waren am Dienstag in Washington bereit, Barack Obama zu folgen

Christoph von Marschall[Washington]

Das Haus, vor dem der Mann in diesem Moment steht, die linke Hand auf der in Samt gebundenen, 1853 gedruckten Bibel, die rechte erhoben zum Schwur, das Haus, für das einst Sklaven das Bauholz schnitten, die Steine legten und die Ziegel buken, es strahlt, die Sonne steht im Zenit. Es ist Dienstag, der 20. Januar 2009, kurz nach 12 Uhr. Barack Hussein Obama spricht den Amtseid vor dem Westportal des Capitols in Washington. Zum ersten Mal benutzt er vor der ganzen Nation seinen vollen Namen, samt dem zweiten, muslimischen Vornamen Hussein. Im Wahlkampf hat er das nie getan. Und dann kommt es zum ersten kleinen Schnitzer seiner Präsidentschaft. Verfassungsrichter John Roberts, der die Eidesformel vorspricht, stolpert über eine Zeile. Obama korrigiert ihn. Roberts wiederholt die Worte, und nun erst kann der neue Präsident den Eid vollenden. „So help me god!“

Hochkonzentriert ist Obama. Sein sonst so unbeschwertes Gesicht zeigt ernste, fast düstere Züge. Dem Klavierquartett, das zu seinen Ehren komponiert wurde, hatte er eben noch mit geschlossenen Augen gelauscht, als meditiere er. Womöglich ist er mit seinen Gedanken schon bei seiner Antrittsrede, die den richtigen Ton setzen soll: eine Balance zwischen der Warnung vor illusionären Hoffnungen, weil Amerika in einer tiefen Krise ist, und der Zuversicht, dass die Nation auch diese Prüfung meistern kann.

Die Sonne strahlt über dem Capitol. Doch Obama wird gleich Wolken beschwören. Der Amtseid sei oft in Zeiten des Wohlstands und des Friedens gesprochen worden, wird er sagen, „aber genauso oft, als Wolken aufzogen und Stürme tobten“. Das wird der fünfte Satz seiner Antrittsrede sein. Alle Menschen tragen an diesem frostigen Tag wärmende Wintermäntel. Nur Obama nicht. Er tritt in dunklem Anzug und roter Krawatte vor die Nation, als solle auch dieses Bild Mut machen: Habt Vertrauen, ich kann dem ökonomischen Unwetter trotzen.

Amerika beschwört viele Schutzheilige und nationale Mythen in der einstündigen Zeremonie unter freiem Himmel mit rund zwei Millionen Bürgern aus allen 50 Staaten auf der National Mall zu Füßen des Capitols. Voll Stolz wiederholen Politiker und Bürger, ihr Land könne auf die älteste Tradition des friedlichen Machtwechsels durch demokratische Wahlen zurückblicken. Alle vier Jahre feiern wir den Triumph des „ballot over the bullit“, den Sieg des Stimmzettels über die Kugel, sagt Zeremonienmeisterin Dianne Feinstein. Auch Pastor Rick Warren, der eine Gottesanrufung dem Amtseid vorausschicken soll, kann sich einen Ausflug ins nationale Pathos nicht verkneifen. „Gott, wir sind so dankbar, dass wir in dem Land mit der größten Chancengleichheit leben dürfen, wo der Sohn eines Immigranten aus Afrika ins höchste Amt gelangen kann. Martin Luther King wird im Himmel jubilieren.“

An solchen Stellen überwältigen Ehrfurcht und auch manche Tränen der Rührung die Umstehenden. Liegt es an diesen Emotionen, dass zwei Senatoren wenig später beim Mittagessen mit dem neuen Präsidenten kollabieren: Ted Kennedy und Robert Byrd? Sie seien nicht in Lebensgefahr, heißt es. Und dennoch, auch hier: Sonne und Wolken.

Der Rest des Tages wird ungetrübt gefeiert: mit einer Parade, auf Bällen. Und mit einem Mann, der wohl für lange Zeit der letzte bleiben wird, der auf den neuen Präsidenten von oben herab sieht und ihm sagt, wo es lang geht.

Der Mann heißt Charlie Brotman. Er ist von kleiner Statur, jeder US-Präsident der jüngeren Geschichte überragt ihn um mindestens einen halben Kopf. Das kann man auf den Fotos sehen, die im Keller seines Häuschens in einem nördlichen Vorort von Washington hängen: im dunklen Anzug neben Bill Clinton und im rot-weiß-blauen Polo-Shirt und mit Sonnenbrille neben George W. Bush. Alle zehn Präsidenten seit Dwight D. Eisenhower haben sich mit Brotman fotografieren lassen. Ein Bild mit Barack Obama fehlt noch in seiner Sammlung, aber nicht mehr lange.

Brotman ist inzwischen 81 Jahre alt. Seit 52 Jahren nimmt Brotman bei jeder Inaugurationsfeier seinen Beobachterposten hoch über der Pennsylvania Avenue ein – in Erwartung der Parade, die am Nachmittag vom Parlament zum Präsidentensitz zieht. Von seinem Ausguck identifiziert er die marschierenden Gruppen und kündigt sie über Lautsprecher für die Zuschauer in seinem Abschnitt an. Sechs Ansager säumen auch an diesem Dienstag wieder die zweieinhalb Kilometer lange Strecke, Brotman übernahm wie stets seit 1957 den letzten Kommentatorenposten an der Pennsylvania Avenue, ganz in der Nähe des Platzes, von dem Präsident und Vizepräsident die Parade verfolgen werden. Im Berufsleben war er Discjockey, Sportreporter, Stadionsprecher, Box-Manager und PR-Berater. Am Inaugurationstag aber ist er der Ansager des Präsidenten.

Als erste Formation ziehen Militärs an Obama und Brotman vorbei, das hat Tradition. Gleich danach aber wird Brotman eine besondere Freude für den neuen „Commander in Chief“ ankündigen: die Band der Punahou High School aus Hawaii. Diese Schule hatte Obama in seinen Teenagerjahren besucht.

Neun Stunden ist der neue Präsident jetzt bereits auf den Beinen sein, mindestens weitere neun haben er und seine Ehefrau Michelle noch vor sich, ehe die vom Laufen, Stehen und Tanzen müden Beine und der übrige Körper Schlaf bekommen. Unter anderem müssen sie sich in den Abend- und Nachtstunden auf zehn offiziellen Bällen sehen lassen.

„In der Parade spiegelt sich der Charakter eines Präsidenten“, hat Brotman vor Obamas großem Tag prophezeit. Seine erste, die für Eisenhower, habe den nüchtern-formalistischen Stil des Ex-Militärs gezeigt. John F. Kennedy und der vormalige Hollywood-Schauspieler Ronald Reagan hätten Glamour mitgebracht. Über 2009 sagt Brotman, dies sei die gesellschaftlich bunteste und am besten vorbereitete Parade seines Lebens.

Es scheint, als habe Obama das Diktum des erfahrenen Ansagers, an diesem Tag enthülle er vor der ganzen Nation seinen Stil und setze den Ton für seine Präsidentschaft, weit über die Parade hinaus beherzigt. „Glaube, Hoffnung, Liebe“, könnte man seine Haltung in Anlehnung an den ersten Korintherbrief im Neuen Testament der Bibel beschreiben – wobei die Liebe für das Ziel steht, so viele Menschen wie möglich in seine Amtseinführung einzubeziehen; die Obama-Präsidentschaft als ein Unternehmen, das die ganze Nation zu ihrer Sache macht. Die offenste und zugänglichste Inauguration der Geschichte hat er versprochen.

Tatsächlich sind Bürger aus allen 50 Staaten nach Washington gekommen. Man sieht es seit dem Wochenende an der Vielzahl ortsfremder Autokennzeichen in der Stadt und der Verkehrsplage der Charterbusse. Karl und Jeeny Cates aus New Jersey zum Beispiel haben „gleich nach der Wahl des ersten schwarzen Präsidenten“ beschlossen, dass sie „diesen historischen Tag persönlich miterleben müssen“. Tochter Emily, elf, und Sohn Weyley, zehn, haben sie dafür aus der Schule genommen. Die vier übernachten „bei Freunden auf dem Fußboden“.

Die Wrights, ein weißhaariges Ehepaar im Pensionsalter, muss man erst gar nicht fragen, woher sie kommen. „Nevada“ verrät das Metallschild, dass Pete sich an die dunkle Wollmütze gesteckt hat. „Nevada ist jetzt blau“, posaunt er, und das sei allein der Hoffnung zu verdanken, die Obama geweckt habe. Für ihn hat sich, wenn auch spät, ein Lebenstraum erfüllt. Blau ist die Farbe der Demokraten. In zurückliegenden Jahrzehnten hatte der Staat im Westen republikanisch gestimmt.

Auch den Glauben setzt Obama ein, um Zugang zu den Herzen möglichst vieler Mitbürger zu finden, wie schon im Wahlkampf, so auch rund um die Inauguration. Den Tag seines Amtsantritts beginnt er mit einem Gottesdienst in der St. Johns Episcopal Church von 1816, einer der ältesten Kirchen Washingtons. Sie liegt einen Block vom Weißen Haus entfernt. Jeder Präsident seit James Madison habe mindestens ein Mal in dieser Kirche Gott verehrt, steht auf der Bronzetafel am Eingang. Bush, sagen Gemeindemitglieder, kam zwei Mal im Monat, meist in die Morgenandacht um 7 Uhr 45.

Die USA sind ein religiöses Land, aber auch ein Kontinent der konfessionellen Vielfalt. Und so achtet Obama darauf, verschiedenen Bekenntnissen die Ehre zu erweisen. Am Sonntag hatte er die Baptist Church in der 19. Straße besucht, eine traditionsreiche afroamerikanische Gemeinde der Hauptstadt. Das Gebet vor dem großen Rock- und Pop-Konzert am Sonntagnachmittag durfte ein Bischof sprechen, der sich offen zu seiner Homosexualität bekennt. Mit dieser Geste antwortete Obama auf die Kritik, dass Rick Warren die Invocatio vor dem Amtseid sprechen durfte. Warren ist bei Rechten populär und ein erklärter Gegner der Homo-Ehe. Die Predigt beim Dankgottesdienst in der National Cathedral am heutigen Mittwochmorgen, dem ersten vollen Amtstag im Weißen Haus, wird Sharon Watkins halten, die erste Frau an der Spitze der Christian Church.

Doch zurück zum langen Inaugurationstag: Gegen zehn Uhr vormittags hatten Barack und Michelle Obama die Bushs auf eine Tasse Kaffee im Weißen Haus besucht, begleitet von Vize Joe Biden und dessen Frau Jill. Nach dem Treffen verließen ihre dunklen Limousinen das Weiße Haus in Richtung Capitol, voraus die Motorradeskorte und umringt von den schwarzen Geländefahrzeugen des Geheimdienstes mit ihren rot-blauen Lichtorgeln.

Majestätisch thront das Parlament auf einem Hügel über der Stadt. Kein anderes Gebäude Washingtons darf sich höher erheben als die Freiheitsfigur an der Spitze der Kuppel. Man nennt den Präsidenten zwar den mächtigsten Politiker der Erde, aber hier wird er an die Grenzen seiner Befugnisse erinnert. Die Führer des Kongresses haben hier das Sagen, die Präsidentin des Abgeordnetenhauses, Nancy Pelosi, und der Vorsitzende der Mehrheitsfraktion im Senat, Harry Reid, beides Demokraten. Auch die Vertreter der dritten Gewalt warten bereits. Der Chef des Verfassungsgerichts, John Roberts, von Bush 2005 auf Lebenszeit ernannt, wird Obama den Amtseid abnehmen.

George W. und Laura Bush verließen das Capitol nach Obamas Vereidigung durch den Ostausgang,. Ein Hubschrauber brachte sie zur Andrews Airforce Base, von wo sie nach Texas flogen. Vor dem Abflug hielt Bush seine Abschiedsrede, in Texas eine weitere Begrüßungsansprache zur erfolgreichen Heimkehr, beide blieben weitgehend unbeachtet. Obama aber, der Neue, der Amtierende, genießt am Capitol volle Aufmerksamkeit: Direkt unten am Fuß des Kongressgebäudes beginnen fächerförmig die 16 Sektoren für geladene Besucher und Medien. Allein hier, in den ersten Reihen gewissermaßen: 240 000 Menschen.

Als sie Schlange standen, Metalldetektoren passierten und sich abtasten ließen, hatten sich weiter draußen bereits Hunderttausende versammelt. Ab dem vierten Straßenblock westlich haben alle Bürger Zutritt. Von hier erstreckt sich die Grünfläche der National Mall über rund zwei Kilometer bis zum Obelisken, dem Washington Monument. Und dahinter einen weiteren guten Kilometer bis zum Lincoln Memorial, wo am Sonntag Bono, Beyoncé, Shakira, Bruce Springsteen und viele andere Superstars des Showgeschäfts für Obama sangen.

Wie viele Menschen genau gekommen sind, kann niemand sagen. Die „Washington Post“ hat als Faustformel ausgerechnet, dass auf den Rasen zwischen Capitol und Obelisk 2,1 Millionen Menschen passen, wenn man sie so dicht aneinander presst wie die berühmten Heringe in der Dose – und 1,17 Millionen, wenn man ihnen genug Luft zum Atmen lässt. So viele scheinen es gegen zehn Uhr bereits zu sein, viele von ihnen stehen seit dem frühen Morgen hier. Auch jenseits des Washington Monument sind in der Ferne noch Menschengruppen auszumachen.

Obamas zentrale Botschaft im Wahlkampf war: Hoffnung geben. „Ein steiler, langer Weg liegt vor uns“, warnt er in diesen Tagen bei jeder Gelegenheit. „Es wird schlimmer kommen, ehe es besser werden kann.“ Sein Sprecher Robert Gibbs betont: Wenn Amerika am 21. Januar aufwache, werde das Land immer noch in einer Rezession sein. Doch an dem Versprechen, dass Amerika auch diese Krise überwinden werde, hält Obama fest. Er hat das Erbe Lincolns und Roosevelts beschworen. Er predigt Glaube, Hoffnung, Liebe, als sei die Inauguration ein Gottesdienst der Demokratie. Er beginnt jetzt erst zu regieren. Und kann sich fürs Erste auf eine offenbar unverbrüchliche Zuneigung der Bürger stützen.

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