Zeitung Heute : Oberjoch im Allgäu war schon immer ein Rastplatz für Zugvögel

Ruth Bydekarken

Von Hindelang geht es 107 Kurven und 300 Meter hinauf zu den Pisten von Oberjoch. Kehre um Kehre liegen Allgäuer und Tiroler Alpen in der Morgensonne. Nur die Rotspitze glüht nicht mehr. Fichtenzungen lecken ins schattige Ostrach-Tal. Nach der letzten Wende auf 1200 Metern erscheint hinter dem Joch ein tief verschneites Hochtal, ein Pass eigentlich, der Bayern mit Österreich im Kranz der Zacken und Grate verbindet. An Kühgund und Iseler schwebt man schon paarweise zur Baumgrenze empor. Überwiegend mittelschwere Abfahrten begeistern hier alpine Brettl-Rutscher.

Das 350-Seelen-Dorf nestelt in einer Senke und ist mit vier Mal so viel Gästebetten die Hänge hinauf gekrochen. Jedermann lebt auf irgendeine Weise vom Fremdenverkehr. Die Winter-Saison ist von Ende Dezember bis März zwar kurz, aber schneesicher. Die Sommer sind außerdem lang und pollenarm. Josefa Hosp, die flinke Frau von achtzig Jahren, war Bauerntochter einst und ist Pensionswirtin heute. Mit Ski und Schlitten ist sie sieben Jahre lang zur Schule nach Hindelang gefahren und nachmittags wieder hinauf gestiegen. Längst hat sie das vokalreiche Potpourri der Hohenstaufer gegen mundartlich gefärbtes Hochdeutsch und Englisch-Kenntnisse eingetauscht.

Im Winter erinnert Oberjoch an einen Rastplatz für Zugvögel. Menschen reisen kurzfristig an und ab. Ein paar sind auf Dauer geblieben. Nichts Neues in Deutschlands südlichstem Alpenzipfel. Römer, Jakobspilger und Kaufleute durchquerten ihn auf schnellstem Weg zum Bodensee. Das Dorf selbst ist sozusagen als Jausenstation des Salzhandels gegründet worden - und dann mit ihm verwaist. "Ganze acht Häuser hat der Flecken vor hundert Jahren gezählt", sagt unsere Wirtin und deutet auf ein vergilbtes Foto. Seine ach so heile Umwelt vermochte die Gemeinde Hindelang jedoch in letzter Minute durch ein geeignetes Öko-Konzept zu retten. Nun wird hier zu höheren Preisen verbraucht, was örtlich gewonnen wird und die alte Kulturlandschaft bleibt erhalten.

Natürlich deckt der Winter sogar die typischen Buckelwiesen zu. Doch im Freilaufstall der Alpe Kematsried, keine 30 Gehminuten vom Dorf entfernt, duftet das Heu so würzig wie im Sommer. Und dem Allgäuer Braunvieh mit den Locken auf der Stirn schmeckt es offenbar so gut wie uns der Bergkäse aus der benachbarten Sennerei oder das saftige Steak von langsam gezüchteten Rindern in der urigen Gaststätte des einstigen Kuhstalls.

Auch abseits der Jochstraße und der Pisten bedarf es keiner Erinnerung an die Zeit von anno dazumal. Im einsamen Hochtal Richtung Unterjoch und Tirol verlieren sich alle Fußgänger schnell wie Punkte. Von Sonne übergossen, wandert man auf 1000 Meter Höhe durch weitläufige Alpenlandschaft, von Nadelwäldern und Felsmassiven gesäumt. Manchmal fliegen Langläufer wie aufgescheuchte Schmetterlinge vorüber. Ebenso himmlische Ruhe beschert - die Hochstraße hinab - das teils autofreie Hintersteiner Tal. Da gefrieren die Zipfelbachfälle zu mächtigen Orgelpfeifen und Rehe äsen, wo man einst Erze schürfte.

Oberjoch besitzt noch zwei reizende Fürbitte-Kapellen aus der Zeit des Salzhandels. Reichere Atmosphäre vermitteln die Siedlungen rundum Hindelang mit ihren wettergegerbten Höfen und heiteren Barockkirchen. Zu den größten Kostbarkeiten zählen der Schnitzaltar von Jörg Lederer und eine Holbein-Madonna. Der Salzhandel und heimische Waffenschmiede förderten ebenso die schönen Künste wie Augsburgs Fürstbischöfe und die Fugger. Künstlerisches Engagement und rechtes bäuerliches Maß haben die Bergbewohner ohnehin immer bewegt. So ist noch zur Hitler-Zeit die intime und doch so stattliche Pfarrkirche von Bad Oberdorf gebaut worden. Kilian Lipp, der moderne Césanne von Hindelang, präsentiert viel Atmosphärisches in wehmütig-archaischer Anmut. Und zur Freude der Touristen steht auch das Kunsthandwerk allenthalben hier noch hoch im Kurs.

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