Zeitung Heute : Obwohl der Berliner Markt gesättigt ist, eröffnen weitere Kinos - Selbst Multiplexe von Schließung bedroht

Harald Olkus

Berlins Kinolandschaft wird durch die neuen Großkinos, die Multiplexe, nachhaltig verändert - ob das immer zu ihrem Vorteil ist, sei dahingestellt. Die traditionellen Kinos jedenfalls können da nicht mehr mithalten und müssen immer öfter schließen. Das sogenannte "Overscreening" macht mittlerweile aber selbst den Betreibern der Großkinos zu schaffen.

Geschäftsleute am Kudamm fürchten bereits, dass nach der Schließung der Filmbühne Wien weitere Kudamm-Kinos folgen und die Einkaufsstraße nach Geschäftsschluss verödet. Denn ein Gros des Publikums geht mittlerweile lieber zum Potsdamer Platz. Und gleich nebenan droht noch mehr Konkurrenz: Die Freie Volksbühne an der Schaperstraße soll zum Kino umgebaut werden - mit sieben Sälen und 1600 Plätzen. Das sind Voraussetzungen für ein weiteres Multiplex-Kino. Als Betreiber ist die Ufa Filmtheater AG im Gespräch - sie bespielte unter anderem die Filmbühne Wien. Für Unsicherheit sorgt allerdings noch ein Vorstoß von Holger Klotzbach, dem Betreiber der Bar jeder Vernunft. Er hat ein Konzept für die Rettung der Freien Volksbühne in der Berliner Theaterlandschaft vorgeschlagen - also doch kein Kino in der Schaperstraße?

"Natürlich wird es ein Kino, schließlich gibt es bereits einen gültigen Mietvertrag", sagt Friedhelm Boese von der Neubau GmbH, der seit zwei Jahren die Freie Volksbühne gehört. Der Bauantrag für den Umbau ist in Bearbeitung, nur die Frage der Verkehrsbelastung für die Anwohner ist noch ungeklärt. Die Freie Volksbühne soll aber kein weiteres Multiplex werden, sondern ein Art-House, sagt Boese: Uraufführungen, Filme in Originalsprache, Champagner- und Kleinkunst-Events sollen Besucher ab 30 ansprechen, denen es in den Multiplexen nicht so richtig gefällt und die bislang den traditionellen Kinos die Treue gehalten haben. Mit mehr Beinfreiheit und einem ansprechenden Ambiente will Boese sie in die Freie Volksbühne ziehen.

Gleichzeitig rüsten die Multiplexe immer weiter auf: In Prenzlauer Berg liefern sich seit Anfang März das Cinemaxx-Colosseum und die Village-Cinemas in der Kulturbrauerei erbitterte Konkurrenz: Nur wenige Schritte voneinander entfernt buhlen sie um genau das gleiche Publikum. Ähnlich ist es am Potsdamer Platz, wo sich Kieft & Kieft (Cinestar) und Flebbe (Cinemaxx) beim Duell über die Potsdamer Straße in die Augen sehen können. Hier gibt es derzeit insgesamt 27 Säle mit mehr als 3000 Sitzplätzen, alles ist nagelneu und sich zum Verwechseln ähnlich.

Neben den Multiplexen gibt es aber noch die mittelständischen Kinounternehmen, wie die Yorck Kino-Gruppe mit ihren 17 Kinos in Berlin und eine ganze Reihe von Off-Kinos vom Blow up bis zum Eiszeit. Wer wird durch den Verdrängungswettbewerb der Großen über die Klinge springen? Bisher scheinen die Off-Kinos ganz gute Überlebenschancen zu haben: Zwar musste das Notausgang in Schöneberg schließen, den anderen Independent-Kinos geht es aber recht gut: "Wir haben derzeit sogar etwas mehr Zuschauer als im vergangenen Jahr", sagt Paul Wiesäcke, für das Mitarbeiterkollektiv im fsk am Oranienplatz. Mit kleinen europäischen Filmen haben die Off-Kinos eine Nische besetzt, für die es ein kleines, aber offensichtlich stabiles Publikum gibt. Anfängliche Befürchtungen, die Multiplexe könnten ihnen diese Filme beim Verleih streitig machen, haben sich nicht erfüllt. "In den Studiokinos am Potsdamer Platz läuft eher der Mainstream in Originalversion", sagt Wiesäcke. Einen groß angelegten Preiskampf könnten die Independent-Kinos allerdings nicht überstehen. "Der Blaue Montag der Yorck-Kinos mit sieben Mark Eintritt oder die UCI-Kinos mit 7 Mark 50 sind bereits Anfänge."

Schwieriger ist es für die Mittelständler. Sie konkurrieren direkt mit den Multiplexen. Die Yorck Kino GmbH musste in den vergangenen Jahren ein Haus ums andere schließen. Zuerst das Odyssee, dann das Forum in Köpenick. Im Dezember folgte das Olympia am Zoo und vor zwei Wochen schließlich das Scala an der Friedrichstraße. "Kleine Einzelkinos sind sehr schwer zu bewirtschaften", sagt Georg Kloster, Geschäftsführer der Yorck Kino GmbH. "Beim Scala ist die Schließung um so schmerzhafter, als wir es erst vor ein paar Jahren mit viel Geld ausgebaut haben. Aber die Miete war einfach zu hoch." Der Berliner Kinomarkt sei schlicht übersättigt. Die Besucherentwicklung habe mit dem Bauboom der Multiplexe nicht Schritt gehalten. "Man hat nicht mehr Zuschauer als vorher erreicht", sagt Kloster. Nach Zahlen der Filmförderanstalt hat der Kinobestand in Deutschland allein im vergangenen Jahr um 216 Leinwände zugenommen - ein Anstieg, wie seit zehn Jahren nicht mehr. Effekt sei, dass Filme, die vorher in vier oder fünf Berliner Kinos liefen, mittlerweile mit mehr als 20 Kopien gestartet werden und sich die Zuschauer entsprechend verteilen.

"Für alle Beteiligten ist es deshalb wirtschaftlich eng bis sehr eng geworden", sagt Kloster. Aus diesem Grund führen selbst die Großen der Branche Gespräche über Zusammenschlüsse. Kosteneinsparungen und Synergieeffekte seien das Ziel der Verhandlungen zwischen der Ufa Filmtheater AG und der Flebbe Filmtheater GmbH, sagt Thomas Schulz von Flebbe. Als Ergebnis seien sämtliche Kooperationsmodelle möglich, von der lokalen Zusammenarbeit bis zur Fusion. Wenn es dazu kommt, stehen sogar neu eröffnete Multiplexe zur Disposition. In Freiburg liegen zum Beispiel ein Ufa-Kino und ein Flebbe-Cinemaxx in unmittelbarer Nachbarschaft am Bahnhof. Eines davon wird wohl geschlossen werden.

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