Zeitung Heute : Odyssee im Wohnraum

Der Perserteppich verschwand im Keller, die Polstergarnitur auch. Dafür kamen Möbel aus Plastik – knallbunt und abwaschbar. Und die Jugend entdeckte den Matratzenstil. So wohnte man ’68.

Im Herbst 1968 zogen wir um. Bei dieser Gelegenheit warfen wir unsere alte Stehlampe auf den Sperrmüll. Sie hatte drei Tüten an beweglichen verchromten Schläuchen, wie in der Dusche. So was war 13 Jahre vorher, als wir heirateten, sehr modern. Es war die praktischste Lampe, die wir je hatten. Aber das merkten wir erst später, als wir uns auf den finnischen Stil umgerüstet hatten: eine Stehlampe mit schwarzlackiertem Stiel und einem weißen tonnenförmigen Schirm. Die drei Tüten hatte man auf verschiedene Punkte richten können, auf dem Sofa und im Sessel konnte man gleichzeitig bei individueller Beleuchtung lesen. Im etwas diffusen Licht des finnischen Schirms ging das nicht.

Man konnte eigentlich überhaupt nicht mehr lesen, aber das brauchte man auch nicht – es gab ja schon seit einigen Jahren das Fernsehen, wenn auch mit eingeschränktem Programm. Man muss sich das vorstellen: keine Satellitenschüsseln auf Balkonen und Dächern!

Die neue Lampe wirkte kühl und schick. Unser altes Sofa hatten wir aufrichten lassen, wie man damals sagte – d.h. der Tapezierer hatte die Kissen mit etwas Rosshaar aufgefrischt und neu bezogen. Knallblau. Farbe war in. Ikea gab es noch nicht, auch keine riesigen Möbelmärkte. Polstermöbel waren teuer. Man schaffte sie sich fürs Leben an. Sie hatten noch keine Pappdeckel-Rücken.

Auch unsere Schlafzimmermöbel zogen mit uns um. Ich strich die Betten und die Einzelschränke grün an. Man strich überhaupt vieles an. Weil ich noch Farbe übrig hatte, wurden auch das alte Radio und der Klodeckel, in jener Zeit noch aus Echtholz, grün angemalt. Sah prima aus.

Ja, aber dann kam Colani. Der berühmte Designer mit seinen aus geschwungenem Plastik gegossenen farbigen Waschbecken und Badewannen. Und die Lederwelle kam. Unsere Freunde leisteten sich eine Sitzgarnitur mit Ecksofa und zwei wuchtigen Sesseln aus Büffelleder. Damit war das Wohnzimmer zwar voll, um nicht zu sagen: überfüllt, aber daneben erschien unser Stoffzeug schäbig. Außerdem sah man bei uns auf dem knallblauen Samt jeden Fussel.

Perserteppiche waren out. Ich hatte zur Hochzeit von meinen Eltern einen Täbriz, drei mal vier Meter bekommen. Jetzt hatte man Flokatiteppiche oder aus bunten Bändern gewebte sogenannte Bauernteppiche. Hatte man früher in den besseren Kreisen mehr oder weniger einheitlich gewohnt, stieg man inzwischen auf mehrere Stilarten um. Erstens auf den skandinavischen Stil aus Kiefernholz, zweitens auf den altdeutschen Wohnzimmerstil mit Schränken für Fernseher und Plattenspieler, drittens auf den Matratzenstil. Junge Leute schliefen, saßen, diskutierten auf Matratzen.

Bei Quelle gab es Sitzsäcke mit Kunststoffbezug, gefüllt mit Schaumstoffkügelchen. Mein Sohn bekam einen zu Weihnachten. Einen formlosen schwarzen Sack, der in nichts an die elterlichen Möblierungsgewohnheiten erinnerte und damit vollkommen seinen Zweck erfüllte.

Anstelle der Bücherschränke mit Glastüren rückten die String-Regale, Vorläufer von Billy, nur nicht so billig. Junge Leute klebten die berühmten Plakate von Che Guevara, Karl Marx, Einstein mit freiliegender Zunge und Jimi Hendrix an die Wand. Ich kaufte in einer Galerie einen Siebdruck, auf dem eine Männerhose von hinten und ein großes NO! abgebildet waren. Für sündhaftes Geld, aber irgendwo wollte man ja auch im Trend liegen. Unser Öldruck mit Booten und blauem Himmel von Raoul Dufy wanderte in den Keller.

Dass man sich „sommerlich“ und „winterlich“ einrichten konnte, ging nicht direkt auf die Studentenrevolte zurück. Sondern mehr auf aufkommende Zeitschriften fürs Schönere Wohnen. Vor allem fürs variable Wohnen. Feste Einrichtungen wie der Multi-Fernseh-Radio-Plattenschrank starben aus, vor allem, weil es sich als schwierig erwies, zu Reparaturen den Transport im Möbelwagen zu organisieren. Auch der Couchtisch wurde in Frage gestellt. Up-to-date war es, die Weingläser auf den Boden oder auf Korbhocker zu stellen oder sie einfach in der Hand zu behalten. Darauf schwören heutige Designer ja übrigens aus Gründen moderner Ästhetik auch wieder. Nur der praktische Gesichtspunkt hält den guten alten Tisch am Leben.

1968 und in den Folgejahren schlug man, wenn man das Badezimmer erneuern wollte, nicht alle Kacheln heraus. Man kaufte Abziehbilder mit Blümchen oder Früchtchen, auf jeder Putzmittelflasche klebten als Kundenreize Fische und lustige Zwerge. Hui, schon war alles wie neu. Und weil das Heizöl damals neun Pfennige pro Liter kostete, konnte man sich auch schöne Heizkörperverkleidungen leisten.

Ach ja, die Kluft zwischen den Generationen öffnete sich immer weiter. Eines schönen Mittags kam mein Ältester (15) aus der Schule nach Hause und erzählte, dass der Schülerrat im Gymnasium bei der Direktion ein Onanierzimmer beantragt habe. „Auch für Mädchen?“ fragte ich obercool. Er starrte mich an. „Die machen das auch“, fuhr ich gelassen fort. Innerlich war ich natürlich in Ohnmacht gefallen. Aus dem Onanierzimmer wurde dann, wohl auf Einspruch des bayerischen Kultusministeriums, nichts. Wäre auch eine schwer lösbare Frage gewesen: Wie richtet man so ein Zimmer ein?

Unsere Autorin schrieb 1968 für die Zeitschrift „Brigitte“

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