Zeitung Heute : Öfter mal was Neues

Rainer Woratschka

Alle reden vom Sparen im Gesundheitssystem. Nur der BDI nicht. Wie kommt das?

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) führt im Gesundheitssektor einen doppelten Kampf: für die Abkopplung der Kosten vom Lohn – und gegen Sparversuche. Letzteres unter Berufung auf einen Russen: Laut Nikolai Dimitrijewitsch Kondratieff (1892–1938), Begründer der „Theorie der langen Wellen“, kommt es nämlich alle 30 bis 50 Jahre zu einer Basisinnovation, bei der bisher ungenutzte Ressourcen ins Bewusstsein treten und enorme Bedeutung entfalten. Demnach wäre nach Dampfmaschine und Baumwolle, Stahl und Eisenbahn, Elektrotechnik und Chemie, Petrochemie und Automobil sowie Informationstechnik und Computer nun der „sechste Kondratieff“ fällig: der große Innovations- und Wachstumsboom in Sachen Gesundheit.

Die Menschen seien bereit, höhere Anteile ihres Einkommens einzusetzen, um länger gesünder zu leben, argumentieren die Kondratieff-Adepten. Und diese Bereitschaft zum Geldausgeben wollen sie sich nicht durch knapp bemessene Kopfpauschalen oder gar die Abhängigkeit von Arbeitskosten kaputtmachen lassen.

Kondratieffs Theorie wäre wohl längst vergessen, gäbe es nicht Leo A. Nefiodow. Der Wirtschaftswissenschaftler war Berater des Forschungsministeriums, mancher Landesregierung, vieler internationaler Organisationen – und er veröffentlichte 1996 das Buch „Der sechste Kondratieff. Wege zur Produktivität und Vollbeschäftigung im Zeitalter der Information“. Jeder Zyklus, so sagt er, bedeute nicht nur neue Chancen durch Erfindungen und Forschung, er befriedige auch gesellschaftlichen Bedarf. Zunächst war es der nach Textilien, dann der nach besseren Transportmitteln. Als drittes kam elektrische und chemische Massenware. Der „vierte Kondratieff“ befriedigte den Wunsch nach Mobilität, der fünfte den nach effizientem Umgang mit Information und Wissen. Und als nächstes werde es um Gesundheit und Heilung gehen.

Ein „Megamarkt“, orakelt Nefiodow. Politiker hören das gerne. So schwärmt Wirtschaftsminister Wolfgang Clement bereits von Zukunftsmärkten mit „weitgehend unausgeschöpftem Potenzial an Arbeitsplätzen“. Die fünf Wirtschaftsweisen finden, dass „in einer alternden Wohlstandsgesellschaft steigende Ausgaben für Gesundheitsleistungen nicht grundsätzlich etwas Schlechtes sind“. Und Schleswig-Holsteins Ministerpräsidentin Heide Simonis befindet sich schon im „sechsten Kondratieff“. Bisher, so sagt sie, sei der Gesundheitssektor „eher als Kostenfaktor und damit als Last für die Gesellschaft angesehen“ worden. „Das gilt ab sofort nicht mehr.“

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