Zeitung Heute : Ökologiepolitik der zweiten Chance

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TRIALOG

Es wird wieder über entscheidende politische Weichenstellungen und existenzielle Menschheitsfragen diskutiert: über Klimaveränderungen und über Flüsse, die ihren Raum brauchen, über ausgesetzte Steuerentlastungen oder neue Staatsverschuldung, über einen drohenden Krieg gegen den Irak und über Spannungen im transatlantischen Bündnis.

So schwer diese Fragen sind und so bedrückend manche Perspektive erscheint – für politisch denkende Zeitgenossen ist es doch fast eine Erleichterung, dass die Spaßpolitik und das beliebige Erzeugen von Erregungen aus vergleichsweise nichtigem Anlass offensichtlich an ihre Grenze gekommen sind. Selbst in der Hochphase des Wahlkampfes müssen sie plötzlich einer Debatte über zentralere Fragen unserer politischen Zukunft weichen. Das ist eine Ernüchterung und eine Wende zum Wesentlichen, die hoffen lässt.

Hoffen lässt auch, dass in Zeiten solch existenzieller Krisen aus den Urerfahrungen der Menschheit, wie es die Flutkatastrophen sind, Hilfsbereitschaft, Mitgefühl, Nachbarschaftshilfe und Lebenskunst neu entdeckt werden. Und siehe da: Es trägt noch, das Gewebe mitmenschlicher Bindungen und Fähigkeiten. Es trägt bei uns – wie im fernen China.

Richard Schröder hat angesichts des zur Überwindung der materiellen Not erforderlichen Kraftaktes gefordert: „Bitte nicht noch einmal wie bei der deutschen Einheit!“ Da hat er Recht, auch der Bürger als Mitbürger möchte sich nicht gern unterfordert sehen. Alle Umfragen und die große Spendenbereitschaft beweisen, dass die Botschaft der Stunde – nämlich Ausgleich der Lasten durch Verteilung auf möglichst viele Schultern – schon vor den ersten Programmen aus den politischen Zentralen verstanden worden ist.

Schwieriger ist es, endlich Nachhaltigkeit in eine Politik der Nachhaltigkeit zu bringen. Das gilt besonders für die gerade tagende Konferenz in Johannesburg, die diese Nachhaltigkeit gleich auf alle bedrohten Ressourcen des Globus gleicheitig ausdehnen muss: auf Wasser, Energie, Luft und Böden.

Das gilt aber auch für das ach oft so schwankende Verbraucherverhalten. Eine junge Frau, die in einer hessischen Kleinstadt einen Bio-Laden betreibt, erzählte mir neulich folgende Absurdität. In der BSE-Krise stieg bei ihr der Umsatz um 15 Prozent. Als die Krise vorbei war, sank er wieder um 25 Prozent. Der Grund: Nun, da das Problem erkannt sei, werde ja auch in der normalen Produktion schärfer kontrolliert!

Was ist das nun? Ist das das neue Urvertrauen in eine grüne Verbraucherschutzministerin oder leichtfertige Vergesslichkeit?

Machen wir uns nichts vor, die Menschheit lernt zwar schnell, aber nicht immer gründlich genug. Nachhaltigkeit in die Politik der Nachhaltigkeit zu bringen, das ist eine gute Parole für eine Ökologie-Politik der zweiten Chance.

Antje Vollmer ist Vizepräsidentin den Deutschen Bundestags und schreibt diese Kolumne im Wechsel mit Wolfgang Schäuble und Richard Schröder.

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