Zeitung Heute : Ökologische Möbel: Die Zukunft liegt im sparsamen Ressourcenverbrauch

Rolf Brockschmidt

Woran denkt man beim Thema "ökologische Möbel"? Richtig: An unbehandeltes Holz, Kiefer und Fichte, zur Not auch mit Astloch, abgerundete Ecken, naturbehandelte Oberflächen, kurzum Jute statt Plastik, um es auf ein Schlagwort aus den viel geschmähten siebziger Jahren zu bringen. Das klingt nicht zwingend nach lustbetontem Leben, sondern mahnt eher zur Askese und political correctness. Aber diese pc-Möbel lassen sich heutzutage nicht mehr so leicht ans Publikum bringen. Die Bewegung ist auch älter geworden, erwachsener, hat an Erfahrung gewonnnen. Zeit, sich dem Thema "ökologische Möbel" offensiv zu nähern.

"Ein zukunftsträchtiges Öko-Polstermöbel kann nicht nur aus biologischem Grundmaterial bestehen. Es sind synthetische Komponenten beizugeben, die in der betreffenden Position einfach besser sind, als irgendein nachwachsendes Pendant", äußerte der Geschäftsführer der Seefelder Möbelwerkstätten, Frank Meyer-Brühl, auf der letzten Möbelmesse in Köln. Sein Unternehmen und das österreichische "Team 7" produzieren gemeinsam Polstermöbel. Mit "besser" zielt Meyer-Brühl vor allem auf das Umweltbewusstsein. Jeder Sofa-Benutzer sei ökologisch besser beraten, "wenn das Füllmaterial aus Polyätherschaumstoff und Dracon-Watte länger die Façon bewahrt und er auch noch bequemer darauf sitzt, als etwa auf Kapok oder Stroh." Zudem sei ein Mischgewebe beim Bezug hautsympathischer und verschleiße nicht so schnell wie ein reiner Woll-Möbelstoff.

"Biologie ist nicht gleich Ökologie", pflichtet ihm der deutsche Designer Jan Armgardt bei, der gerade für die neue Allianz von "Team 7" und Seefelder Werkstätten ein Polstermöbel- und ein Korpusprogramm entworfen hat. "Es ist wirklich pionierhaft, sich von den ideologischen Zwängen zu befreien." Ob eine acht Zentimeter dicke Vollholzplatte allein schon wegen des Vollholzes ökologisch ist, sei höchst zweifelhaft. "Eine Verschwendung von Ressourcen ist unmoralisch."

Ein wesentliches Kriterium für Nachhaltigkeit bei Möbeln ist für Armgardt das Design. Schluss mit dem spartanischen Ambiente. "Lebenslust und internationales Design", darauf käme es ihm an. Armgardt wendet sich vehement gegen Extremismus aus vermeintlich ökologischen Gründen: Gutes Design muss die Zeit überstehen, schlechtes Design ist Verschwendung. Schließlich ist das Möbelstück ein Investitionsgut für die eigenen vier Wände. "Die Wohnung ist der letzte Ort der Selbstbestimmung", sagt Armgardt und streicht über den Stoff seines neuen Sofas aus dem Programm "Be" für "Team 7". "Das ist Wolle, allerdings mit Abriebschutz", sagt er. Ein Möbel muss "in Würde altern können. Das Produkt lebt mit der Benutzung und bekommt mit der Patina schließlich auch eine Aura. Diese Langsamkeit der inneren Welt steht gegen die Hetze der äußeren Welt."

Wichtig für die Langlebigkeit der Möbel sei die Vererbungsqualität, und die hänge auch eng mit der Qualität des Designs zusammen. "Die Langlebigkeit verlangsamt den Ressourcenfluss." Trotz alledem sei er aber kein Gegner kurzlebiger Möbel. "Die müssen dann so beschaffen sein, dass sie die Gesellschaft nicht belasten. Sie müssen in den Materialkreislauf zurückkehren."

Bei seinen Experimenten mit ökologischen Möbeln hat Armgardt viel mit Graupappe und Papier gearbeitet. Zwei Jahre lang hat der Innenarchitekt und Möbeltischler mit neuen Formen des Korbgeflechts experimentiert und dafür die Staatliche Korbfachschule besucht. Seit 1998 lehrt er an der Fachhochschule Aachen Design und setzt immer wieder Papier bei der Arbeit ein.

"Das hat nichts mit einem bestimmten Möbel zu tun, sondern es lehrt Entwerfen und Konstruieren. Vor allem ist es aber dazu da, den Studenten eine bestimmte Haltung mit auf den Weg zu geben. Diese Arbeit mit dem Papier muss auch immer lustbetont sein. Ein Stuhl aus Pappe und Papier ergibt eine bestimmte Haltung, Vergänglichkeit und Erneuerung, man muss ihn immer wieder neu bekleben. Und selbst wenn der Stuhl nicht mehr gefällt, es bleibt Papier übrig. Man wirft ihn ja nicht weg."

Kunststoff sinnvoller als Holz

Bei aller Liebe zum natürlichen Material ist Kunststoff für Armgardt kein Tabu. Unter Umständen sei Kunststoff sinnvoller als Vollholz. Auch tritt er der vorherrschenden Meinung entgegen, dass ökologische Möbel in der Farbgebung zurückhaltend sein müssten. "Auch die Natur ist farbig. Dort wo es sinnvoll ist, ist sie sogar sehr bunt. Denken Sie an die Vögel, die sich produzieren müssen. Welch verschwenderische Farbfülle! Die Natur ist schon kreativ."

Für ihn ist der ökologische Weg der einzig gangbare, kombiniert mit einer international akzeptierten Formensprache. Daher musste sich seiner Meinung nach der Erfinder der ökologischen Qualitätsmöbel, "Team 7", etwas einfallen lassen. Im vergangenen Jahr hatten die Österreicher für ihre "Team 7"-Edition internationale branchenfremde Designer eingeladen, mit Holz zu experimentieren und zeitgemäße Formen zu entwerfen. Diese Möbel blieben bis auf ein Modell Prototypen. Ausgerechnet der dekonstruktivistische Bücherturm "homebase.de" des hauseigenen jungen Designers Stephan Tietz hat es in das Kindermöbelprogramm und damit in die Serie geschafft. Mit der Einladung an Jan Armgardt und an das Duo Classen-Laprell wollen sich die Österreicher vom traditionellen ökologischen Möbel verabschieden und Anschluss beim internationalen Designer-Möbel finden.

"Be" von Jan Armgardt ist einerseits ein Polstermöbelprogramm, das sich beliebig variieren lässt und dank der abziehbaren Stoffe auch in vielen Dessin-Varianten und Farben erhältlich ist. Das Gestell ist entweder aus Rot-Ahorn oder aus Metall, die Polster sind aus einem Guss. Arm- und Rückenlehne haben die gleiche Höhe, das verstärkt die kuschelige Atmosphäre. Unterschiedliche Tiefen erlauben ein entspanntes Räkeln. Die einzelnen Module messen 120 Zentimeter oder 160 Zentimeter in der Breite. "Be" ist zum anderen ein Modulsystem von horizontal gestreckten Kastenmöbeln, die nicht für ein spezielles Zimmer entworfen sind. Niedrige Sideboards, separat aufgehängte, flachgezogene Regale lockern die Wand auf und betonen die Leichtigkeit der Möbel. Die Elemente lassen sich stapeln, andere wachsen schlank in die Höhe. Entscheidend für das Aussehen der Möbelwand ist die Funktion. Die Flexibilität der Elemente, die Möglichkeit des schnellen Umbauens, ist für Armgardt ein weiteres Argument. Passend zum Sofa gibt es Regale, die mit der Oberkante der Lehne abschließen. "Es soll dort Ablagefläche sein, wo ich sie brauche und zwar ohne die halbliegende Position aufzugeben."

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