Österreich und Fritzl : So viele Opfer

Markus Huber

Dies ist ein schönes Land. Die Seen, die Berge, der soziale Friede, das Wohlstandsniveau und die geringen Arbeitslosenzahlen. Österreich ist ein schönes Land, und wem auch immer in den vergangenen Tagen Zweifel gekommen sein sollten, für den hat der Bundeskanzler persönlich eine Botschaft: „Es gibt keinen Fall Amstetten. Es gibt keinen Fall Österreich. Es gibt einen Einzelfall.“ So erklärte Alfred Gusenbauer das Inzestdrama der Familie Fritzl am Donnerstag beim traditionellen Maiaufmarsch der Sozialdemokraten – und tausende Genossen klatschten erleichtert dazu.

So ist das in diesem schönen Land, und so war es eigentlich schon immer. Kriminalfälle sind in diesem Land ausnahmslos tragische Einzelfälle, Josef Fritzl ist genauso ein irrer Psychophat wie es der Kampusch-Entführer Wolfgang Priklopil war. Im Übrigen gibt es auch gar keinen Zusammenhang zwischen den beiden Fällen, darauf legt nicht nur der Kanzler, sondern auch der Präsident wert. Wie hatte Bundespräsident Heinz Fischer gleich zu Beginn der Woche erklärt? „Es ist sicher nichts Abgründig-Österreichisches an diesem Fall.“ Weil es das nämlich insgesamt gar nicht geben darf: etwas Abgrundtief-Österreichisches.

Mag sein, dass es die Intellektuellen anders sehen, mag sein, dass der große Psychiater Erwin Ringel tausende Seiten genau über diese Abgründe geschrieben und Sigmund Freud aus gutem Grund gerade in Österreich die Psychotherapie entwickelt hat. Doch eine Kollektivierung des Bösen ist an sich im Nachkriegs-Österreich tabu, und gerade in dieser Frage gibt es die wohl breitest mögliche Koalition der Interessen. Seit 1945 hat sie sich tief im österreichischen Wesen verankert. Jahrzehntelang hat sich das Land auf diese Weise prima vor der Einsicht in die Mitschuld am NS-Regime und dem Holocaust gedrückt und so auch die Tatsache vom Tisch gewischt, dass überproportional viele Österreicher in der SS und vor allem bei der Judenvernichtung beteiligt waren. Alle waren Einzeltäter, nichts hatte System. In Österreich hat es bis in die 80er Jahre gedauert, bis sich zum ersten Mal ein Bundeskanzler für die NS-Verbrechen seines Landes entschuldigt hat, und gerade in diesen Tagen, kurz nach dem 70sten Jahrestag des Anschlusses, gibt es noch immer viele, vor allem konservative Politiker, die Österreich als „erstes Opfer Hitler-Deutschlands“ bezeichnen.

Das hat Spuren hinterlassen, und das ist auch nun im Fall Amstetten zu erkennen. Wenn in Deutschland eine Frau ihre Kinder umbringt und im Garten vergräbt, dann laden die Deutschen sehr rasch ihre Kollektivschuld auf sich und rufen laut: Wir haben schon wieder als Nation etwas verbrochen. Der echte Österreicher hingegen hat gelernt, dass er tunlichst nicht über den Kellerrand hinausblicken soll. Und deswegen ruft er sofort: Bitte, ich als Staatsbürger kann nichts dafür. Und an sich stimmt das ja auch: Priklopil und Fritzl waren Einzeltäter, selbst eine aufgeklärte Öffentlichkeit hätte die grauenhaften Einzelschicksale der Opfer wohl nicht verhindern können.

Aber gerade dieser „Bitte wir waren es nicht“-Reflex hat System, und das ist wohl das tatsächlich typisch Österreichische an diesem Fall. Die Nation hat nachgerade panische Angst davor, als Gesellschaft Schuld zugewiesen zu bekommen. Dieser Reflex ist eigentlich verräterisch. Und genau das macht das Land ein bisschen weniger schön.

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