Zeitung Heute : Offene Frage Kohl

ROBERT BIRNBAUM

Warum noch einmal Helmut Kohl? Die Frage haben sich viele in der CDU in den vergangenen Wochen und Monaten gestellt, ohne eine schlüssige Antwort zu findenVON ROBERT BIRNBAUMDie Frage haben sich auch viele Wähler gestellt - ihre vorläufige Antwort findet sich in den Umfragen als Variante der Frage wieder: Warum denn ausgerechnet noch einmal Helmut Kohl? Das war die Ausgangslage des Bremer CDU-Parteitags, und daraus ergab sich die Aufgabe für den Kanzler.Er mußte eine Antwort geben.Hat er es getan?Auf den ersten, den äußeren Anschein lautet die Antwort "Ja".Zehn Minuten Beifall, Jubel, "Helmut, Helmut"-Chöre - das ist auch für CDU-Parteitage nicht unbedingt die Norm.Andererseits: Jeder der 1000 Delegierten in der Bremer Stadthalle wußte, daß die Stoppuhren der Beobachter laufen würden.Und die CDU ist eine viel zu disziplinierte Partei, als daß sie es sich leisten würde, ihrem Spitzenmann im entscheidenden Moment den Rückhalt zu verweigern.Es blieb ihr ja auch nichts anderes übrig als ihn zu stützen: Die CDU kann jetzt nur noch mit Kohl gewinnen - oder mit Kohl untergehen.Der Traum vom Austausch des Kandidaten, den einige geträumt haben, ist ein Traum geblieben.Der Applaus war also zwangsläufig.Er zeigt immerhin an, daß die Parteibasis erkannt und akzeptiert hat, was ihre Rolle im Wahlkampf sein soll: Nicht zweifeln, sondern klatschen.Auch auf den zweiten Blick kann man Kohl zugestehen, daß er einen Teil seiner Aufgabe gelöst hat: Nach innen, in die Partei hinein, hat diese Bremer Rede ihre Wirkung sichtlich getan.Immer noch und immer wieder gelingt es dem Vorsitzenden, seiner CDU aus der Seele zu sprechen.Wenn er vor einer "linken Republik" warnt, wenn er gute Ausländer in Schutz nimmt und bösen mit dem Hinauswurf droht, wenn er Treue und Fleiß, Mut zur Erziehung und Liebe zum Vaterland beschwört, dann mögen die Jüngeren das in der Sprache antiquiert finden - in der Sache und mit dem Herzen stimmen sie ihm alle zu.Und doch hat Helmut Kohl seine Aufgabe nicht wirklich gelöst.Vier Trümpfe, sagt er, habe die CDU vorzuweisen, um das Pokerspiel um die Macht noch einmal zu gewinnen.Erstens: "Wir wissen zu kämpfen." Das mag sein, aber Kampfesmut allein bringt keinen Sieg.Zweitens: "Wir haben viele Erfolge vorzuweisen." Das mag auch sein, aber niemand wird wegen vergangener Verdienste gewählt.Drittens: "Unsere Herausforderer haben in Wahrheit nichts vorzuweisen." Das mag ebenfalls sein, löst aber das Problem der CDU nicht auf - es ist ja gerade eine diffuse Wechselstimmung, die den Regierenden zu schaffen macht.Viertens: "Unsere Politik setzt auf Zukunft." Nimmt man das zum Nennwert, stellt sich die Ausgangsfrage noch schärfer: Warum dann ausgerechnet noch einmal mit Helmut Kohl?Die Antwort ist er schuldig geblieben und mit ihr die Antwort darauf, worin denn jener Aufbruch in das 21.Jahrhundert bestehen soll, bei dem er die Führung übernehmen will.Man kann es auch so sagen: Helmut Kohls Antwort, verkleidet in eine zweistündige Rede, besteht im "Weiter so".Sie besteht darin, die Politik der letzten 16 Jahre noch einmal für vier Jahre fortzuschreiben.Damit aber sind wir wieder am Ausgangspunkt: Das Problem der CDU besteht nicht darin, daß die SPD die Wähler in Scharen überzeugt, sondern es besteht darin, daß das Modell Kohl die Wähler nicht mehr überzeugt.Der Parteitag wird sicher dazu beitragen, die eigene Basis zu mobilisieren.Die Kraftanstrengung aber droht ins Leere zu laufen.Denn wenn Helmut Kohl selber keine Antwort auf die Frage zu geben weiß, warum ausgerechnet er Deutschland in das 21.Jahrhundert führen soll - wie sollen es seine Parteifreunde den Leuten erklären?

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