Zeitung Heute : Offener Himmel?

THOMAS GACK

Die Liberalisierung des Luftverkehrs ist seit dem 1.April Realität - auf dem Papier.Die alltäglich Praxis sieht vorerst noch anders ausVON THOMAS GACKDie Freiheit über den Wolken mag grenzenlos sein - auf dem hartumkämpften Markt des Luftverkehrs ist sie es jedoch auch nach dem 1.April keineswegs.Auf dem Papier ist die Liberalisierung des europäischen Flugverkehrsmarkts seit gestern zwar komplett.Auch auf dem bisher staatlich streng geregelten Inlandsmarkt, von Berlin nach Düsseldorf, von Hannover nach Stuttgart, dürfen jetzt ausländische Fluggesellschaften ihre Dienste anbieten.In der Praxis wird das mittelfristig wenig ändern.Harte Preiskämpfe, ein gnadenloser Verdrängungswettbewerb, der die traditionellen Fluggesellschaften ins Trudeln bringen könnte, sind am Himmel Europas nicht zu erwarten. Auch in Europa werden die nationalen Luftgesellschaften wie die Lufthansa oder die Air France zwar nach und nach privatisiert.Das heißt jedoch nicht, daß ihre monopolartige Überlegenheit auf den nationalen Strecken ernstlich in Gefahr geriete.Denn auf den großen europäischen Flughäfen, auf denen das Geschäft gemacht wird, haben die ausländischen Wettbewerber bisher wenig Chancen, den Fuß auf den Boden zu setzen.Die günstigen "Slots", die genauen Zeitfenster für Start- und Landerechte, sind dort nämlich längst vergeben.Wer neu dazukommt, kann allenfalls auf Slots zu ungünstigen Zeiten hoffen.Dazu kommen die hohen deutschen Flughafen- und Abfertigungsgebühren.Kein Wunder, daß selbst so kostengünstige Unternehmen wie die Deutsche BA Millionenverluste einfliegen.Die möglichen Wettbewerber schreckt das ab.Die Lufthansa muß deshalb auch nach dem 1.April wohl kaum die ausländische Konkurrenz auf dem nur theoretisch liberalisierten Markt fürchten.Ihre Luftüberlegenheit über Deutschland bleibt so gut wie unangefochten -- und damit auch ihre Freiheit, die (hohen) Inlandspreise festzusetzen.Im Sinne der freien Marktwirtschaft ist das alles nicht.Die Reisenden ärgern sich zurecht über die Preise für Inlandtickets, die ihnen im Vergleich zu den EU- oder Transatlantikflügen unangemessen hoch vorkommen.Allerdings können sich die Flugreisenden immerhin der Hoffung hingeben, daß die europäischen Fluggesellschaften, auf denen im Unterschied zu den USA nicht der gnadenlose Preisdruck lastet, auch bei der Sicherheit keine Abstriche vornehmen werden.Europas Verbraucher können zudem damit rechnen, daß die Liberalisierung des europäischen Flugverkehrsmarktes allmählich zu einem breiteren und vielfältigeren Angebot quer über den Kontinent führen wird.Die neuen privaten Wettbewerber werden sich nämlich erfahrungsgemäß auf europäische Strecken konzentrieren, die bisher von den nationalen Monopolgesellschaften nicht bedient wurden.Anstatt die großen, teuren Flughäfen zu ungünstigen Zeiten anzufliegen, werden die neuen Anbieter verstärkt die billigeren Regionalflughäfen nutzen und damit zur stärkeren Vernetzung des europäischen Flugbetriebs beitragen.Seit der völligen Liberalisierung des Marktes über Europa wächst allerdings auch die Gefahr, daß die mächtigen US-Billiganbieter die geplanten Partnerschaften mit europäischen Fluggesellschaften - Lufthansa und United Airlines, British Airways und American Airways - als "Trojanische Pferde" benutzen, um den europäischen Markt zu erobern.Schon jetzt haben sich die USA durch Luftfahrtabkommen mit einzelnen EU-Staaten in Europa Rechte gesichert, die Washington den europäischen Fluggesellschaften auf dem stark abgeschotteten US-Markt verweigert.Wenn sich die Europäer nicht schleunigst auf eine gemeinsame Strategie bei den "Open-Sky"- Verhandlungen mit den Amerikanern einig werden, sind es vermutlich die mächtigen US-Fluggesellschaften, die am meisten vom offenen Himmel über Europa profitieren werden.

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