Zeitung Heute : Offiziell im Rentenalter

Der Tagesspiegel

So als Staatsmann ist ein 65. Geburtstag schon was Feines. Glückwunschtelegramme aus aller Welt. Wildfremde Frauen schicken parfümierte Postkarten mit Telefonnummern. Neider, Stiefellecker und Günstlinge bückeln beim Empfang auf Kosten der Staatskasse. Ein Ständchen der Pioniere, wenn es denn noch welche gibt. Er hätte wirklich was Großes werden können, der 65. von Egon Krenz. Nun wird er wegen dieser dummen Pannen vom Herbst ’89 eher was ganz Kleines und sehr Stilles. Nicht mal Alkohol darf der Jubilar trinken, sagt die Berliner Justizverwaltung.

Seit zwei Jahren sitzt Egon Krenz, der letzte Staatsratsvorsitzende der DDR, in der JVA Plötzensee fest. Wegen der Schüsse an der Mauer. Ein bisschen ist das auch persönliches Pech von ihm. Denn Staatschef zu werden, wenn der Staat sich gerade anschickt auseinander zu brechen, ist einfach ungünstig. Man könnte auch sagen, der Übergang vom Dachdeckerregime zum Schneiderregime war gescheitert.

Dazu muss man wissen, dass Krenz als Sohn eines Schneiders in Pommern geboren wurde. Krenz kündigte damals an, Honeckers Dachdeckerregime mittels einer grundlegende Wende zu reformieren. Seine Parole: Arbeit, Arbeit und nochmals Arbeit. Dabei wollten die Leute Westmark, Westmark und noch viel mehr Westmark.

Statt anzupacken für ihren obersten Schneider, wurden gemeine Witze gerissen: Großmutter, warum hast Du so große Zähne? Dabei sieht Krenz gar nicht wie ein verkleideter Wolf aus. Nein, viele waren ungerecht zu ihm in der Wendezeit. Besonders die Genossen von der SED-PDS. Die schlossen ihn nämlich aus der Partei aus, und es muss damit gerechnet werden, dass Glückwünsche, wenn überhaupt, nur in codierter Form übermittelt werden, damit der Verfassungsschutz nichts mitbekommt. Die alten Sozialisten sind in diesen Techniken gut geschult.

Mit 65 kann Egon Krenz eigentlich in Rente gehen. Als Freigänger im offenen Vollzug stand er dem Arbeitsmarkt voll zur Verfügung. Anfänglich verkaufte er Stützstrümpfe und Prothesen für eine Orthopädiefirma. Als die Firma pleite ging, soll er ausrangierte Flugzeuge in die ehemaligen sozialistischen Bruderländer verkauft haben. Genaueres weiß man nicht. „Als Bürger der DDR werde ich auch in Zukunft meine ganze Kraft für meine Heimat einsetzen“, hatte er bei seinem Abgang als Staatsratsvorsitzender am 6. Dezember 1989 angekündigt. Zum Glück blieb es bei der Drohung. Thomas Loy

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