Zeitung Heute : "Offline-Date": Am Sonntag bleibt der Rechner kalt

Christian Domnitz

Sechs Stunden verbrachte er täglich vor dem Bildschirm, eingeklinkt im Chat eines Münchner Stadtnetzes. Nennen wir ihn Frank Holzer, denn er will unerkannt bleiben. Seine Freunde suchte er drei Jahre lang vor dem flauen Licht eines Monitors in elektronischen Plauderforen und Mailboxsystemen. Er schrieb ihnen über die Nichtigkeiten des Alltags, darüber, was er so macht, wie es ihm geht. Holzer hat es ziemlich übertrieben, gibt er heute zu. Er war chatsüchtig.

"Wer chattet, dem geht Realitätssinn verloren", sagt er jetzt. Ein "offline-Date" im Café oder Kino mache einfach viel mehr Spaß. Auf seiner Homepage zitiert er Robert Heinlein, einen amerikanischen Sciencefiction-Autoren: "Ein menschliches Wesen sollte in der Lage sein, Windeln zu wechseln, ein Sonett zu schreiben, ein Schwein zu schlachten, ein gutes Essen zu kochen und einen Computer zu programmieren." Viele Internet-Dauernutzer erkennen, dass sich Chats und Diskussionsforen schnell in eine soziale Sackgasse verwandeln. Und so könnte eine Idee aus England Schule machen.

Londoner Netzaktivisten haben zum internetfreien Tag aufgerufen, einem Tag, um endlich einmal "nach draußen zu gehen und schöne Dinge zu tun". Die Macher der Seite internet-free-day.org warnen, man könne leicht ein halbes Leben in der virtuellen Welt verbringen und verliere dabei den Kontakt zur Familie, zu Freunden und Nachbarn. Sie erinnern daran, dass das Netz einst als Medium zur Information gedacht war, und dass es erst "die großen Geschäftemacher" zu einem Unterhaltungsinstrument gemacht hätten, das zu "sozialer Isolierung und verdorbenen Augen" führe. Ein jährlicher internetfreier Tag am vierten Januarsonntag zeige "das Bedürfnis nach Kontakt mit der echten Welt". Internet und E-Mail seien einfach nicht genug zum Glücklichsein.

Acht Millionen Deutsche sind sonntags im Internet, ergab eine Messung der Gesellschaft für Konsumforschung. Besonders am Wochenende surfen viele Netzsüchtige oft stundenlang. "Meine Freunde sind mir längst lästig geworden" - klagt ein anonymer Surfer auf onlinesucht.de, der Seite einer Selbsthilfegruppe. Das Internet hat Suchtpotenzial, weil es jeden Mausklick unmittelbar mit neuen Bildern und Informationen belohnt.

Oliver Seemann, Psychiater in der Münchner Ambulanz für Internet-Abhängige, sieht die Gefahr des Chattens in der Kommunikation bei gleichzeitiger Distanz. Chatter wollten mit anderen unverbindlich verbunden sein. Das gehe aber nicht. "Das Internet ist wie Junkfood", soll der Popsänger Brian Eno gesagt haben, "du kannst nie genug bekommen von dem, was du gar nicht haben willst". Das wurde zum Leitspruch für Nicholas Albery, einen 52-jährigen Londoner, der nicht nurinternet-free-day.org, sondern auch andere Seiten mitgestaltet, die zum Beispiel Gruppenwanderungen in der Gegend um London oder "gemeinsames Gedichte-Rezitieren" in Buchläden der Stadt organisieren. Er spricht dabei von "sozialen Vitaminen", die jeder Internet-Nutzer zum Leben brauche und die sich jeder organisieren müsse.

In der britischen Hauptstadt geht das beim Portal "Do London, be London" (www.DoBe.org). Über die im September gegründete Plattform können sich Surfer gezielt zu gemeinsamen Aktivitäten außerhalb des Netzes verabreden. Sortiert in Unterkategorien finden sich Freizeitangebote, die Netz-Benutzer organisiert haben: Tanzgruppen, Theaterworkshops und Themensalons. Alle Veranstaltungen erfüllen eine Bedingung: Passives Konsumieren ist verboten - die Betreiber der Seite wollen, dass sich die Teilnehmer einbringen. Wer den Event seines Geschmacks gefunden hat, kündigt sich gleich per Klick an. Das Portal enthält eine Liste "wirklich gemütlicher" Londoner Cafés. Die Veranstaltungen sortiert es nach Art, Zeit und Ort, es kann von den Nutzern einfach mit der Eingabe einer neuen Veranstaltung auf andere Städte erweitert werden.

Für den 28. Januar, den internetfreien Tag, hat Albery einen literarischen Spaziergang durch den Hyde Park vorgeschlagen, dann ein Würfelspiel nach dem Roman "Diceman" von Luke Reinhart: Sechs Zahlen stehen für sechs Optionen eines gemeinsamen Abends, der Wurf entscheidet. Albery sagt, DoBe.org hätte sein Leben um einiges verbessert.

"Wir haben festgestellt, dass gerade Internet-Nutzer ihr Leben bewusster gestalten", sagt Ulrich Reinhardt, Wissenschaftler am B.A.T. Freizeitforschungsinstitut in Hamburg. "Sie haben mehr Freunde, treiben öfter Sport und sind gesünder." Der Grund dafür sei vor allem der höhere Bildungsstand der User. Studenten seien häufiger im Netz als Leute mit Hauptschulabschluss. Und es gebe andere Freizeitbeschäftigungen, die mindestens genauso schädlich seien wie stundenlanges Surfen, zum Beispiel zu viel TV.

Ex-Dauerchatter Holzer verabredete sich mit seinen E-Mail-Freunden, als er bemerkte, dass er nur elektronisch niemandem von ihnen besonders nahe kam. "Wir haben User-Parties gefeiert, sind alle zusammen ins Kino gegangen, zum Picknick und in die Kneipe." Heute kennt er viele seiner Chat-Freunde persönlich und bemitleidet diejenigen, die den "Schritt nach draußen" nie gewagt haben. Sein Rat für alle Dauersurfer: "Rechner aus, Kumpels anrufen und auf Parties gehen."

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