Zeitung Heute : "Oh mein Gott, nicht schon wieder"

Malte Lehming,Barbara-Maria Vahl

Wann kommt die nächste Eilmeldung? Wann heißt es wieder "Breaking News"? Wann bestätigt ein zweiter oder gar dritter Flugzeugabsturz den bei solchen Bildern jetzt automatisch aufkeimenden Verdacht, dass die Terroristen erneut zugeschlagen haben? Indizien, gar Beweise dafür gibt es mehrere Stunden nach dem Absturz der American-Airlines-Maschine, die sich am Montag von New York aus auf dem Weg nach Santo Domingo in der Dominikanischen Republik befand, nicht. Flugzeuge stürzen aus vielen Gründen ab. Es muss nicht immer Terror sein. Terror ist die Ausnahme. Aber der 11. September hat die Zuversicht geraubt, den Glauben an "natürliche" Ursachen bei extremen Katastrophen.

Genährt wurde die Unruhe durch einige Parallelen, die nach und nach bekannt wurden: Wieder war es ein Airbus, wieder war die Fluglinie "American Airlines" betroffen, wieder geschah das Unglück an einem strahlend blauen Tag kurz nach neun Uhr morgens, wieder wurde New York getroffen, wo nun erneut die Toten gezählt werden müssen, wieder war die Maschine vollgetankt. Um 9 Uhr 14 war sie gestartet, um 9 Uhr 17 abgestürzt. Ist es Hysterie, reflexartig an eine zweite Terrorwelle zu denken? Schließlich hatten US-Regierung und Bundespolizei FBI in den vergangenen Tagen immer wieder davor davor gewarnt. Jeder Amerikaner hat die eindringlichen Appelle im Kopf, aufmerksam zu sein. Es gebe "eindeutige Hinweise", hatte es geheißen, dass die Terroristen wieder zuschlagen würden.

Unmittelbar nach dem Absturz wurde in New York die höchste Alarmstufe verhängt, "Level One" genannt. Alle drei städtischen Flughäfen - Kennedy, La Guardia, Newark - wurden geschlossen. Stundenlang war über dem Stadtteil Queens, der gegenüber von "Kennedy International" liegt, dicker, schwarzer Rauch zu sehen. Mindestens ein Dutzend Häuser in dem Wohngebiet brannte. Glücklicherweise waren die Schulen in der Nachbarschaft geschlossen, da am Montag in den USA Feiertag war, Veterans Day. An diesem Tag werden die amerikanischen Veteranen aller Kriege geehrt.

Während dessen versuchen die Verantwortlichen, die Öffentlichkeit zu beruhigen. Pentagon und Luftfahrtbehörde sagen, es gebe keinerlei Zeichen für einen Terroranschlag. Kein Notruf war eingegangen. Die Piloten der Jets, die seit dem 11. September ständig über New York kreisen, hätten nichts Verdächtiges bemerkt.

New Yorks Bürgermeister Rudolph Giuliani war sofort nach dem Absturz zur Unglücksstelle geeilt. Er kennt den Stadtteil, der nur 20 Kilometer von Manhattan entfernt ist. In den vergangenen Tagen und Wochen war er zu vielen Beerdigungen immer wieder in Queens. Hier leben überwiegend Iren, Italiener und Juden. Knapp 100 von ihnen sind im World Trade Center entweder als Angestellte bei der Finanzfirma "Cantor Fitzgerald" oder als Feuerwehrleute ums Leben gekommen.

"Das Einzige, was ich dachte, war: Oh mein Gott, nicht schon wieder", sagt Milena Owens, die zwei Straßenzüge von der Unglücksstelle entfernt lebt. Sie hatte, wie die meisten Amerikaner, am Veterans Day ausgeschlafen. Als das Flugzeug abstürzte, dekorierte sie gerade ihr Haus für Thanksgiving, den nächsten Feiertag. "Es sind noch nicht alle Menschen begraben, die hier lebten und am 11. September getötet wurden", sagt sie erschüttert, "und nun kommen hier schon wieder Menschen ums Leben." Auch der 38-jährige Gus Cholakis, der 13 Freunde im World Trade Center verloren hatte, ist fassungslos. "Ich bin auf so vielen Beerdigungen gewesen", sagt er. "Wir alle hier kennen jemanden, der durch die Terroranschläge getötet wurde. Nimmt die Trauer nie ein Ende?"

Gemeinsam mit Nachbarn war Cholakis unmittelbar nach dem Absturz zu den brennenden Häusern gelaufen, um zu retten, was zu retten ist. Sie hatten sich Feuerlöscher und Spaten gegriffen, aber die Flammen waren zu mächtig. "Mein ganzes Haus hat vibriert", sagt er. "Gegen das Feuer hatten wir keine Chance." Noch Stunden nach dem Absturz brannte das Flugzeugbenzin.

Sowohl Giuliani als auch US-Präsident George W. Bush sagten vorerst alle Termine ab. Gegen elf Uhr Ortszeit ist Giuliani bereits am Unglücksort. "Ich bin gerade an der Kirche vorbeigegangen, in der ich nach dem 11. September bei so vielen Beerdigungen war", sagt er. "Ein solches Unglück ist schrecklich, einerlei, wo es passiert. Aber dass es gerade hier geschah, dass die Menschen von Queens wieder zu den Opfern gehören, ist besonders erschütternd."

Was auch immer den Absturz verursachte, die Flugangst vieler Amerikaner wird weiter steigen. Traditionell reisen die Menschen gerade zu Thanksgiving viel. Denn das ist ein Familienfest. Verschärfte Kontrollen an allen Flughäfen, Sicherheitstüren zu den Cockpits und der Einsatz so genannter "Air Marschalls" an Bord sollten nach dem 11. September wieder ein Gefühl von Sicherheit vermitteln. Diese Bemühungen haben nun einen herben Rückschlag erlitten. Schon werden wieder massenhaft Stornierungen registriert. Etwa jeder sechste Amerikaner hat Flugangst. Experten schätzen, dass sich diese Zahl mindestens verdoppelt hat.

Bush ließ sich fortgesetzt über den Stand der Ermittlungen informieren. Das ursprünglich für den Vormittag geplante Gespräch, das er im Vorfeld des Besuches von Wladimir Putin mit russischen und amerikanischen Journalisten führen wollte, fiel aus. Auch für den Präsidenten stand nur eine Frage im Vordergrund: Gibt es irgendeinen Hinweis darauf, dass dies erneut das Werk von Terroristen war? Das FBI wiegelte ab. Wahrscheinlich habe es eine Explosion an Bord gegeben. Zeugen hatten Feuer gesehen. Zwar sei nicht jedes Gepäckstück durchleuchtet worden, aber die Passagiere hätten vor dem Abflug ihr Gepäck identifizieren müssen. Gegen Mittag trat dann der Sprecher des Weißen Hauses, Ari Fleischer, vor die Presse. "Es sieht so aus, als sei dies nicht ein terroristischer Akt", sagte er vorsichtig. Die Möglichkeit eines Anschlags konnte er freilich nicht ausschließen. Am frühen Nachmittag schließlich wird der Bordschreiber gefunden. Seine Auswertung wird weitere Erkenntnisse bringen.

Erste Zuversicht

Die amerikanische Flugzeugindustrie ist angeschlagen. Die Welle der Pleiten droht nicht abzuebben. Die Verluste in diesem Jahr wurden bislang schon auf fünf Milliarden Dollar geschätzt. Mehr als 100 000 Beschäftigte in der US-Flugzeugindustrie, von insgesamt 1,2 Millionen, waren nach dem 11. September entlassen worden. Bush selbst hatte der Industrie mit 15 Milliarden Dollar Unterstützung unter die Arme gegriffen und seine Landsleute dringend aufgefordert, wieder zu reisen und zu fliegen. Er wollte das Vertrauen in die Sicherheit stärken. Und nun das. "Der Präsident", sagt Fleischer, "glaubt weiterhin, dass die Menschen reisen sollen." Es gebe keinen Grund zur Panik.

Fieberhaft wurde am Montag unmittelbar nach dem Absturz versucht, Kontakt zu allen weiteren Flugzeugen aufzunehmen, die sich in der Luft befanden. Alles schien jedoch in Ordnung zu sein. Im Laufe des Tages machte sich deshalb langsam Zuversicht breit: Vielleicht war doch ein technisches Problem für das Unglück verantwortlich. Den Angehörigen der 260 Menschen, die sich an Bord befanden, ist das allerdings sicher kein Trost.

In New York tagte zur gleichen Stunde die Generalversammlung der Vereinten Nationen. Es ist 10 Uhr 10, als gerade der türkische Außenminister am Rednerpult steht. Plötzlich unterbricht Ismail Cem eine Lautsprecherdurchsage: "Hier spricht der Sicherheitschef der Vereinten Nationen. Ein American-Airlines-Flugzeug ist über Queens abgestürzt. Wir haben noch keine Informationen über die Umstände des Absturzes. Wir beobachten die Situation und halten Sie auf dem Laufenden." Als Vorsichtsmaßnahme würden keine Fahrzeuge in den UN-Komplex gelassen, der Luftraum über New York sei gesperrt, und: "Wir haben entschieden, den Komplex jetzt nicht zu evakuieren." Cem wird dann noch zwei Mal von der Wiederholung der Durchsage unterbrochen. Am Ende der Rede weist der Tagungspräsident darauf hin, dass das UN-Gebäue hermetisch abgeriegelt ist. Minister, die auf der Rednerliste stehen und noch nicht im Haus sind, haben vorerst keine Chance.

Als nächster Redner tritt Joschka Fischer ans Pult, spürbar bewegt. Als er den Angehörigen und dem amerikanischen Volk sein tiefes Beileid ausspricht und dann noch einmal den Einsatz militärischer Mittel rechtfertigt, bricht der Dolmetscherin beinahe die Stimme weg. Sie kämpft während der gesamten Übersetzung hörbar gegen einen Kloß im Hals. Der deutsche Außenminister sagt, er hoffe inständig, es handle sich nicht um einen Akt des Terrors.

Grotesk der Anblick der First Avenue vor dem UN-Gebäude. Dort, wo üblicherweise zu Zeiten der Generalversammlung hektisches Treiben herrscht, ist es totenstill, noch stiller sogar als ohnehin schon in den vergangenen Wochen. Die Straße ist komplett gesperrt, die Polizei hat sich hinter blauen Barrikaden aufgebaut. Es spricht sich rasch herum, dass viele Delegationen so rasch wie möglich abreisen wollen.

Wie viele Verletzte und Tote es gegeben hat, ist auch am Nachmittag noch völlig ungewiss. CNN sendet vom Unglücksort Interviews mit verzweifelten Anwohnern in dem ruhigen Wohngebiet, auf das die Maschine gestürzt ist. "Gerade in diesem Bezirk wohnen so viele Feuerwehrmänner und Polizisten, die auch schon an der Rettungsaktion am World Trade Center beteiligt waren", sagt eine junge Frau. Und: "Es leben hier etliche Kinder, die am 11. September ihre Eltern verloren haben und nun wieder Zeugen eines schrecklichen Unglücks wurden. Es zerreißt einem das Herz."

Die Fernseher, die "Breaking News" melden, blieben überall im Land angeschaltet. Den ganzen Tag lang. Wieder einmal.

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