Zeitung Heute : „Ohne das Ausdauertraining bei Opel hätte ich die CDU nicht überlebt“

Acht Jahre arbeitete der frühere Minister Norbert Blüm bei Opel. Erinnerungen an eine gute alte Zeit

Norbert Blüm

Es war einmal. So fangen alle Märchen an. Auch Märchen sind voller Grausamkeiten. Aber es gewinnen immer die Guten. Opel ist kein Märchen und wer gewinnt, weiß man auch noch nicht.

Märchenhaft war es jedenfalls auch früher bei Opel nicht. Tausend Schulentlassene suchten für Herbst 1949 eine Lehrstelle bei Opel. 24 bekamen eine. Ich war einer von den Glücklichen. Die anderen kamen später zu Opel. Die Großen ließen schon damals bei den Kleinen ausbilden.

Um Nachschub musste sich Opel nie sorgen. Alle Rüsselsheimer sind Opelianer: aktive oder potenzielle, jedenfalls von Opel abhängig. Opel hatte einen schier unersättlichen Hunger nach Arbeitskräften. Der „Olympia“ lief, der „Kadett“ auch. Als die Rüsselsheimer nicht mehr genug Arbeiter liefern konnten, fuhren die Werksbusse bis nach Limburg im Norden und in den Odenwald im Süden, sammelten morgens ab vier Uhr die Arbeiter für die Frühschicht ein, und die letzten Spätschichtler wurden gegen ein Uhr nachts in ihren entfernten Heimatorten ausgeladen. Später reichte auch das nicht mehr. Jedes dritte in Deutschland gekaufte Auto war schließlich ein Opel. Rüsselsheim platzte aus den Nähten. Also kamen Bochum und Kaiserslautern dazu. Die Opel-Bosse ließen sich hofieren, rote Teppiche wurden ihnen von Politikern ausgelegt. Subventionen in Form von Infrastrukturmaßnahmen wurden ihnen auf dem Tablett serviert.

Jetzt wurden Italiener, Spanier und Griechen angeworben. Man baute ihnen großzügig Wohnheime. Die Türken kamen zuletzt. Allesamt fleißige Leute, die in Rüsselsheim, Bochum, Kaiserslautern friedlich zusammen arbeiteten.

Mein erster Lehrtag begann um sieben Uhr in der Frühe. Ich war ängstlich gespannt auf den „Ernst des Lebens“; und so war es auch. Neun Stunden am Tag, fünf hintereinander, an jedem zweiten Samstag sechs Stunden, also 48 Stunden in der Woche „feilen, wie die Väter feilten“. Ein U-Eisen musste mit einer Riesenfeile „geschruppt“ werden. Es ist mir schwer gefallen. In der ersten Woche schon war die Innenfläche meiner rechten Hand ein Blasenteppich, herbeigeführt vom festen Griff um das „Feilheft“.

Ich war 14 Jahre alt und bis dahin ein, wie man heute sagen würde, „verhaltensauffälliges Kind“, damals nannte man das Flegel. Mein Lehrplatzterrain war 50 Zentimeter nach rechts, 50 Zentimeter nach links, 40 Zentimeter nach hinten, so groß wie der dicke Holzblock, auf den sie mich gestellt hatten, damit meine Arme den Schraubstock in der fürs Feilen vorgesehenen Höhe erreichten. Nie wieder in meinem Leben habe ich die Stunden mehr gezählt. Die Zeit schleppte sich dahin.

Mit stoischer Geduld brachte mir Kilian Lauck, mein väterlicher Lehrgeselle, Feilen, Bohren, Schleifen, Schweißen, Schneiden, Fräsen und Drehen bei. Bohrer schleifen ist das höchste der Gefühle. Selbst Rastelli hatte weniger Bewegungen zu koordinieren als einer, der die Spitze eines Bohrers schleift. Zwei Kurven rechts und links der Spitze absolut symmetrisch und gleichzeitig ebenso spiegelgleich. Die Kurven im Bogen nach hinten abflachen. Mach das mal mit ungeübten Kinderhänden. Und wenn ich es immer noch nicht begriffen hatte, hörte ich von hinten Kilians leise Stimme: „Herrgott, gib mir noch einen Fingerhut Geduld, damit der Bub begreift, was er begreifen muss.“

So lernte ich Ausdauer. Das ist die wichtigste Fähigkeit, die ich in meiner Werkzeugmacherlehre gelernt habe. Ohne das Training der Ausdauer bei Kilian Lauck hätte ich die Politik im Allgemeinen und die CDU im Speziellen nicht überlebt. Vieles von damals habe ich vergessen. Das nicht. Bildung ist eben das, was übrig bleibt, wenn du vergessen hast, was du gelernt hast.

Als Jugendvertreter saß ich fünf Jahre auf der hintersten Bank in den Betriebsratssitzungen. Auch davon habe ich vieles vergessen. In Erinnerung bleibt mir aber der Ernst der Betriebsräte, die sich den Kopf zerbrachen, was man bei Opel besser machen könne, wenn es einmal nicht so lief. Sie waren nicht nur Arbeitnehmervertreter, sondern auch Interessenvertreter von Opel. Sie waren eben Opelianer. An meine Arbeitskollegen aus dem Werkzeugbau denke ich mit Heimweh. Als eine neu aufgestellte Transferstraße nicht so lief, wie sie sollte, arbeiteten sie rund um die Uhr, aßen an und schliefen auf der Werkbank, bis es klappte. Sie rissen sich für Opel „den Arsch auf“.

Wenn aber die Arbeiter behandelt werden wie die Rinder vom Cowboy und die Manager durch den Betrieb reiten wie durch eine Ranch, dann gilt dies alles nicht mehr.

15 Vorstandsvorsitzende hat Opel in 20 Jahren erlebt. Einer von ihnen war gerade mal vier Monate da. Der wahrscheinlich mit Opel so viel am Herz hatte wie ich mit einer Weltraumstation. Lopez, der Kostenkiller, hatte nur eines im Sinn: Kosten senken. Er quälte die Zulieferer und sparte so lange, bis das rostanfällige Opel-Auto dem guten Ruf von Opels Zuverlässigkeit schadete.

Wenn die Arbeiter im Betrieb nur noch auf den nächsten Schlag warten, dann verliert jede Bindung an den Betrieb ihren Kitt. Arbeit ist nicht nur Broterwerb. Leistung bedarf der Motivation, dazu gehören auch Loyalität und Treue. Davon haben die Detroit-Boys offenbar wenig gehört.

Der Kapitalismus reduziert den Menschen auf die reine Arbeitskraft, behauptet Karl Marx. Wo er Recht hat, hat er Recht. Der Mensch ist jedoch kein Homo oeconomicus. Deshalb wird mit dieser Managementkultur, wie sie General Motors favorisiert, auf Dauer auch kein Geld zu machen sein. Gott sei Dank!

Norbert Blüm war in der Regierung Kohl von 1982 bis 1998 Arbeits- und Sozialminister.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar