Zeitung Heute : Ohne Eigeninitiative keine Rechner

ANOUSCHKA URREJOLA,THOMAS SCHNEIDER

Computerunterricht an der Schule: Es fehlt an qualifizierten Lehrern und HardwareVON ANOUSCHKA URREJOLA UND THOMAS SCHNEIDER

Wenn es nach den Schülern ginge, würden Computer sogar im Sportunterricht zum Einsatz kommen."Die Kinder sind begeistert", berichtet Walther Foertsch, Schulleiter der Grundschule Im Beerwinkel in Spandau."Sie kommen oft zu mir und fragen, wann sie wieder an die Computer dürfen." Und das, obwohl auf den Rechnern keine Spiele zu finden sind.Die Schüler entwickelten am Computer sehr viel Kreativität und Lerneifer.

Da weder Informatik noch Informationstechnische Grundbildung (ITG) im Rahmenplan für Grundschulen vorgesehen sind, hat Foertsch andere Wege finden müssen, um die Schule mit Computern auszurüsten.Sämtliche Rechner sind von ihm selbst beschafft und installiert worden."Eigeninitiative ist nicht mehr wegzudenken aus dem reibungslosen Schulalltag", weiß auch Reinhold Drath von der Thomas-Morus-Oberschule in Neukölln, die ihre Rechnerausstattung zum überwiegenden Teil privaten Spenden verdankt.Wenn man den Blick über die Reihen der Computerarbeitsplätze schweifen läßt, bekommt man eine Ahnung davon, wieviel Zeit und Mühe die Lehrern investiert haben, um den Computerraum so professionell einzurichten.Geräte mußten organisiert, angeschlossen und auf die Anforderungen des Unterrichts zugeschnitten, Computermöbel schon mal in solider Handarbeit aus alten Schultischen geschnitzt werden.

Die Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport sieht die Situation an den Schulen optimistisch."Zwischen 1985 und 1992 wurden etwa 4,7 Millionen für Computerneuanschaffungen investiert", sagt Joachim Thoma.Im Vorläufigen Rahmenplan sei ein Computerarbeitsplatz für zwei Schüler als notwendige Bedingung für die Durchführung des Unterrichts vorgesehen.Nach einer Erhebung vom Oktober 1994 seien in der Regel pro Fachraum zehn Schülerarbeitsplätze installiert."Geht man von einem Mindestbedarf von einem Fachraum pro Schule aus, so gibt es bei 514 Computerfachräumen an Berliner Schulen sogar einen Überhang von 31 Fachräumen."

Der Schulalltag zeigt aber, daß die vorgegebenen Richtlinien leider häufig genug zu kurz greifen, da sie nicht in ausreichender Weise auf die Gegebenheiten des Unterrichts reagieren.Unterricht am Computer kann nur in kleinen Gruppen durchgeführt werden.Arbeiten dann zwei unruhige Schüler an einem Platz, ist Streit vorprogrammiert.Sitzt hingegen ein konzentrierter Schüler neben einem Störenfried, so wird der aufmerksame Schüler nicht zum Zuge kommen.Also besteht die einzige Lösung darin, diesen Schüler allein an den Rechner zu lassen, und dies wirkt sich dann oft zum Nachteil für die stillen Schüler aus.

Demgegenüber meint Monika Falkenhagen von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, ein Computerfachraum pro Schule reiche bei weitem nicht aus, da davon nur wenige Schüler profitieren könnten.Die Idealvorstellung sei ein PC in jedem Klassenzimmer.Die meisten Kinder seien den Umgang mit Computern ohnehin schon von zu Hause gewöhnt.Der Einsatz von Rechnern in der Schule könne daher nicht früh genug beginnen.

Ähnlich sieht das auch Walther Foertsch.Allerdings kann er von solchen Verhältnissen nur träumen.Von einem Computerfachraum kann an seiner Schule kaum die Rede sein: die sechs Rechner stehen in einem umfunktionierten Abstellraum auf Rolltischen und so je nach Bedarf zur Verfügung.Ob Bedarf besteht, hängt jedoch in erster Linie von den Lehrern ab.Wenn ein Lehrer sich entscheidet, mit einer Klasse das Angebot zu nutzen, geht er zu Foertsch und läßt sich in die Anwendung einführen.Der Schulleiter hat die Lernprogramme selbst gesammelt und je nach Klassenstufe und Fach zusammengestellt.Es hängt also im wesentlichen von der Eigeninitiative der Lehrer ab, ob die Schüler an die Rechner dürfen.

Nicht anders ist die Situation an der Thomas-Morus-Hauptschule.Dort kann Informationstechnische Grundbildung sogar nur epochal unterrichtet werden.Das heißt, daß jede Klasse im achten Schuljahr im Rahmen der Arbeitslehre eine einwöchige Blockveranstaltung absolviert.Mehr ist wegen fehlender Lehrerstunden nicht drin.Und die Kürzungen im Schulwesen sowie der damit verbundene Einstellungsstop lassen eine Verschlimmerung der Situation befürchten.Ohnehin stehen an den Berliner Schulen für einen qualifizierten Informatik- oder ITG-Unterricht nur wenige Lehrer zur Verfügung.

Joachim Thoma von der Senatsschulverwaltung sieht das anders.Es gebe eine Vielzahl von Weiterbildungsmöglichkeiten für Lehrer, zum Beispiel an der Freien Universität oder bei der Landesbildstelle.Die Kursinhalte erstrecken sich von reinen Anwendungsschulungen über die Didaktik des Informatik- und ITG-Unterrichts bis hin zum rechnergestützten Fachunterricht.Die Nachfrage seitens der Lehrer sei groß und nehme ständig zu.

Das Problem ist jedoch mit Weiterbildungen allein kaum lösbar.Denn viele Lehrer haben verständlicherweise Berührungsängste, meint Monika Falkenhagen von der GEW.Ein häufiges Argument sei, daß die Kinder schon von Hause aus den Umgang mit Computern gewohnt sind und eine schnellere Auffassungsgabe haben als so mancher altgediente Lehrer.Dieser muß sich den Zugang zum Rechner oft erst mühsam erschließen.

Die Lösung besteht also nicht nur in der Weiterbildung der Lehrer, sondern vor allem auch in der Neueinstellung von jungen, qualifizierten Lehrern, die Informatik- oder computergestützten Fachunterricht leisten und somit den Innovationsschub an den Schulen tragen können.Unabdingbare Voraussetzung ist aber auch eine ausreichende Ausstattung mit Hardware.

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