Zeitung Heute : Ohne Gewehr

31 Orten in Deutschland steht noch bevor, was Städte wie Rendsburg hinter sich haben: der Abzug der Bundeswehr. Die kleine Stadt verlor gleich zwei Kasernen mit 1900 Dienststellen. Aber sie hat auch einen Bürgermeister mit großen Plänen. Die müssen nur noch aufgehen.

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Zum Abschuss freigegeben. So fühlten sich viele Rendsburger, als sich die Bundeswehr aus ihrer Stadt zurückzog. Eine Garnisonsstadt ohne Soldaten, geht das überhaupt? Der Norddeutsche würde sagen: Es muss ja. Foto: dpa
Zum Abschuss freigegeben. So fühlten sich viele Rendsburger, als sich die Bundeswehr aus ihrer Stadt zurückzog. Eine...Foto: picture alliance / dpa

Sie holten die Fahne ein. Ein Offizier hielt eine Rede, die letzten 20 Soldaten hörten zu und ein paar Rendsburger. Dann sperrten die Männer des Fernmeldebataillons 610 das Tor der Eiderkaserne zu und marschierten durch den Schneematsch davon. Und Bürgermeister Andreas Breitner, einer der anwesenden Rendsburger, schaute ihnen hinterher und machte sich Sorgen. Das war im März 2008.

Die Bundeswehr schloss in jenem Jahr in Rendsburg einen von zwei Stützpunkten, und 2010 auch den zweiten. Innerhalb von nur zwei Jahren wickelte sie insgesamt 1900 Dienststellen ab. Sie exekutierte damit einen Standortschließungsbeschluss aus dem Jahr 2004, der noch auf den SPD-Verteidigungsminister Peter Struck zurückging – und zog sich als wichtigster Arbeitgeber und Identitätsstifter zurück aus einer Stadt, deren 28 000 Einwohner fast alle irgendwie an ihr hingen.

„Es gab in Rendsburg das Gefühl, wir stehen vor dem Schafott“, sagt Bürgermeister Breitner heute über damals. Und über das Heute sagt er: „Die Entscheidung des Verteidigungsministeriums, die wir zunächst überhaupt nicht akzeptieren wollten, begreife ich als Chance.“ Denn das Signal von Rendsburg ist: dass es trotzdem weitergeht. Und das wird in jenen Gemeinden gehört werden, denen noch bevorsteht, was Rendsburg in Angriff genommen glaubt.

Die Bundeswehr wird nämlich noch 31 weitere Stützpunkte bundesweit schließen, das hat Verteidigungsminister Thomas de Maizière, CDU, Ende Oktober bekannt gegeben. 280 Standorte wird sie dann seit Ende des Kalten Krieges aufgegeben haben, wobei sie jedes Mal ihre Leute mitnahm und Steine und Beton zurückließ.

In Rendsburg waren das fast 90 Gebäude, die sich auf mehr als 70 Hektar Fläche verteilten, darunter Atombunker, Tankstellen, Panzergaragen und Küchen. Was damit geschehen sollte, wusste zunächst keiner.

Im Vorzimmer von Breitners Büro im Rathaus, einem düsteren Behördenbau aus den 80er Jahren, hängt eine Karte der Stadt, die mitten in Schleswig-Holstein liegt, an der Eider, an der Autobahn A7 und am Nordostseekanal. Die Eisenbahnhochbrücke und die Schwebefähre gelten als Sehenswürdigkeiten. Die Arbeitslosenquote ist hoch. Die beiden Kasernen sind auf der Karte noch eingezeichnet: Mitten in der Stadt liegt die Eiderkaserne, nur wenige Meter vom historischen Paradeplatz entfernt. Der zweite Stützpunkt, die 43,7 Hektar große Feldwebel-Schmid-Kaserne, erstreckt sich als bleiches Viereck am Kartenrand.

In der kalten Wirklichkeit überwuchert dort Moos die Munitionsbunker, verstauben dutzende leere Garagen, wächst am Sportplatz Gras aus einer mit Sand gefüllten Sprungkiste. Um den Sportplatz herum stehen Militärgebäude aus den 30er-Jahren. Doch was soll man mit dem Gebäudeensemble anfangen, das unter Denkmalschutz steht? Das weiß auch Breitner nicht. Es ist ihm auch egal, denn das Gelände gehört dem Bund. Soll der sich kümmern.

Breitner, 43 Jahre alt, ein sportlicher Typ, ist im Amt ergraut. An den Schläfen gehen die Haare in einen matten Silberton über. Er war Kriminalpolizist und dann Referent des Innenministers, bevor die Rendsburger SPD ihn 2002 zu ihrem Spitzenkandidaten für die Bürgermeisterwahl machte. Er siegte und zog mit seiner Frau nach Rendsburg. Drei Kinder kamen hier zur Welt, seine Familie sei in der Stadt angekommen, sagt Breitner. Und die soll sich jetzt nicht auflösen.

Er hat dafür gesorgt, dass Rendsburg die Eiderkaserne gekauft hat. Sie ist sein Stadtentwicklungsprojekt geworden.

In Deutschland gibt es einige Beispiele, die ihm Mut machen. Unternehmer züchten heute Pilze in alten Bunkern, auf einem Militärgelände entstand eine Trabrennbahn, auf einem anderen eine Teststrecke für Hochgeschwindigkeitszüge und eine Ferienanlage. Warum also nicht Wohnen in Kasernen?

Die Pläne, die Breitner für das Areal hat, sind ehrgeizig. Ein ganz neuer Stadtteil Neuwerk-West soll entstehen. Schon hat sich die Eiderkaserne in eine riesige Baustelle verwandelt. Bagger reißen ab, Lastwagen bringen Schutt weg, Lieferwagen fahren Staub aufwirbelnd umher. 17 denkmalgeschützte Häuser des ursprünglich dreimal so umfangreichen Ensembles bleiben stehen. Mindestens 20 Millionen Euro wird der Umbau kosten. Mehr als 14 Millionen davon kommen von der Europäischen Union, der Bundesrepublik und vom Land Schleswig-Holstein. Mit dem neuen Viertel will die Stadt weitere Abwanderung stoppen, Familien in die Stadt zurücklocken und Rendsburg ein modernes Image geben.

Breitner zeigt einen Bauplan: Das Kreiskrankenhaus hat bereits einen Hektar gekauft, um dort eine große Apotheke zu errichten. Neue Arbeitsplätze werden dort entstehen. Ein früheres Mannschaftsgebäude soll zum Ausbau der Rendsburger Gymnasien genutzt werden. Aus Mehrbettzimmern werden Klassenräume. In einer alten Fahrzeughalle könnte das Druckmuseum mit seinen Maschinen und Setzkästen einziehen, ein Kindergarten in ein Offiziersheim. Im kommenden Jahr soll mit der Suche nach Großinvestoren begonnen werden, die Grundstücke kaufen und dann insgesamt 250 Wohnungen errichten. Soweit also, was werden soll.

Was ist, kann Breitner sehen, wenn er wenige Meter aus dem Rathaus heraus in die Innenstadt geht, am Landestheater vorbei, durch die Fußgängerzone mit den kleinen Geschäften, die Handyverträge, Schuhe und Bücher verkaufen, dem Döner-Imbiss und dem Asiaten und schließlich in die Seitenstraßen abbiegt. Dort hängen Schilder mit dem Aufdruck „Mieter gesucht“. Dort klagen Einzelhandel und die Gastronomie über weniger Kunden, seit das Militär weg ist. Dort wissen sie anhand ihres eigenen Monatseinkommens, was gemeint war, als 2004 ein Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium zu Breitner sagte: „Ihr müsst jetzt tapfer sein.“

Da war Breitner nach Berlin geeilt, als er von den Schließungsplänen erfahren hatte. Per Handy im Urlaub war das. Breitner, damals erst einige Monate Bürgermeister von Rendsburg, war geschockt. Er hatte damit gerechnet, dass vielleicht eine Kaserne geschlossen würde, aber beide?! Und die Standortverwaltung auch noch?! Breitner brach den Urlaub ab. Krisengespräche standen an, viele Berufssoldaten lebten in Rendsburg, deren Kinder besuchten die Kindergärten und Schulen. Die Stadt würde sich radikal verändern. Die Lokalpolitiker der Stadt und Breitner beschlossen, um die Standorte zu kämpfen. Der Bürgermeister redete mit Bundestagsabgeordneten und Generälen, er gewann Fürsprecher, fuhr nach Berlin, um die Entscheider von Rendsburgs Vorteilen als Standort zu überzeugen. Das Verteidigungsministerium wurde damals von einem SPD-Minister geführt, und derselben Partei wie Peter Struck gehört ja auch Breitner an, doch die Solidarität unter Genossen hatte ihre Grenzen. Die Entscheidung sei getroffen, erfuhr Breitner im Berliner Bendlerblock. Und dabei bleibe es.

Breitner ging und geht es beim Reden über die Folgen des Soldatenabzugs nicht nur um ausbleibende Steuereinnahmen – er sagt, die wirtschaftlichen Folgen ließen sich noch gar nicht messen –, ihm geht es auch um die Mentalität seiner Stadt, die sich seit 1665 stolz Garnisonsstadt nennt. Soldaten gehörten immer zum Stadtbild. Die Rendsburger lebten mit den Militärs und auch von den Militärs. Viele Soldaten sind in Vereinen, Parteien oder der Freiwilligen Feuerwehr aktiv gewesen. Rendsburg ohne Armee ist für viele Einwohner unvorstellbar.

In den dämmerigen Schankraum der „Hauptwache“ am Paradeplatz kommen nun weniger Gäste. Auch dieses Restaurant, in dem unter Denkmalschutz stehenden Gebäude, lebte lange Zeit gut von den Militärs. „Hier ist es ohne die Soldaten sehr viel ruhiger geworden“, sagt eine Kellnerin. An manchem Abend bleiben viele der Stühle leer, die vor dunkler Holzverkleidung stehen unter Nachdrucken von Caspar David Friedrich, wuchtigen goldenen Spiegeln und auf alt gemachten Wanduhren. Vor dem Abzug feierten Soldaten hier mit ihren Familien nach der Vereidigung der Wehrpflichtigen. Abends stießen die Soldaten auf das Ende von Übungen an. Nun kommen Rentnergruppen zum Mittagstisch. Irgendwie gehe es auch ohne die Soldaten, sagt die Kellnerin und mischt am Tresen einen Fruchtsaft zusammen. Bier zapft sie seit dem Abzug weniger.

Auch im örtlichen Kinocenter an der Wallstraße, 500 Meter vom zentralen Paradeplatz entfernt, merken sie den Abzug jeden Abend in der Kasse. An Wochentagen fehlten 60 Prozent der Besucher, heißt es. Und auch der Spielplan hat sich mit dem Ende der Militärzeit in Rendsburg geändert: Seit die Soldaten die Stadt verlassen haben, laufen häufiger Kinderfilme und Komödien und nur noch selten Action- und Horrorfilme.

Bürgermeister Breitner sagt, dass Rendsburg auch ohne die Bundeswehr zurecht kommen müsse und werde. Die Zeit der Trauer sei vorbei, nun blicke man nach vorn.

Der Paradeplatz mit dem Kopfsteinpflaster und den Militärgebäuden war einst das Herz der Garnison. Sternförmig laufen die Straßen darauf zu. Daran liegen die Christkirche von 1700, das Gotteshaus der Garnison, in der schon dänische, preußische, sächsische und andere in der Stadt stationierte Soldaten beteten, die alten Munitionsschuppen mit dicken Backsteinwänden, auf denen sich seit Jahren Jugendliche mit Farbe und Kreide verewigen. Und das mächtige Alte und das Niedere Arsenal, mit dem großen Hof in der Mitte. In dem viereckigen, festungsähnlichen Ensemble, in dem heute Bücherei, Volkshochschule, Bürgersaal und Museen untergebracht sind, wurden einst Gewehre und Geschütze gelagert.

Als im März 2008 die letzten Männer des Fernmeldebataillons 610 im tristen Grau verschwunden waren, blieb Martin Westphal zurück, der Leiter der städtischen Museen. Für ihn war das ein historischer Moment. Er beschloss, die jahrhundertealte Garnisonsgeschichte Rendsburgs zu bewahren. Mit einem Mitarbeiter schraubte er Schilder vom Kasernenzaun ab, um sie mitzunehmen. Dabei fiel sein Blick auch auf das schwarz-rot-gelb gestrichene Wachhäuschen vor dem Tor. Niemand brauche das mehr, überlegte er. Aber in seinem neuen Museum würde sich das doch ganz wunderbar machen, in einer Ausstellung über Rendsburg und sein Militär. Also nahmen der Direktor und der Mitarbeiter das gestreifte Wachhäuschen mit. Sie stellten es im Museum auf, als ein Symbol für vergangene Zeiten.

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