Zeitung Heute : Ohne Kontext

KATJA REISSNER

"Goldrausch VIII": 15 Künstlerinnen im Kunstamt KreuzbergKATJA REISSNERZum achten Mal zeigt das Goldrausch-Künstlerinnen-Projekt seine Ergebnisse in den Räumen des Kunstamtes Kreuzberg mit Künstlerinnen, von denen die älteste 1949, die jüngste 1970 geboren ist.Malerei und Skulptur sind ebenso vertreten wie Installationen sowie der dokumentarisch-künstlerische Umgang mit Fotografie, auch Video.Dabei empfiehlt es sich weniger, die Sparten durchzugehen, als eher nach Haltungen zu fragen.Die Malerin Ute Fründt und die Plastikerin Tine Steen arbeiten mit parodistischem Unterhaltungswert, sind dem Schwelgen in Farbe und Material nicht abgeneigt und stellen Stereotypen und Porträts ohne Furcht vor der abbildenden Funktion her: die erste läßt Micky-Mäuse und andere kindliche Figuren auf Patchwork-Bildern tanzen, die zweite porträtiert jede Kursteilnehmerin vollplastisch - sie feiern unbekümmert ihre Künstlerinnenschaft. Einen nüchternen Gegensatz dazu bilden die seriellen und vorwiegend dokumentarischen Arbeiten von drei Fotografinnen: Heike Baranowsky, Gabriele Kahnert und Annette Kisling.Sie zeigen Inventare von Abbildungen, wobei Kahnert besonders pragmatisch dokumentiert und ganz hinter ihrer Bestandsaufnahme aller öffentlichen Denkmäler, Mahnmale und Skulpturen Berlins zurücktritt.Kisling hält in zurückhaltendem Schwarz-Weiß beispielsweise Restitutionsobjekte fest, die auf Rückübertragung warten.Baranowsky konstruiert und montiert den Blick auf standardisierte Großstadtarchitektur der Moderne.Die Haltung der Drei kann als kritischer Blick auf die Strukturen des Urbanen verstanden werden, als ein Resümee der neuen Nachwendezeit außerdem.Im Unterschied dazu fotografiert Gundula Friese mit dem Geschichtsbewußtsein einer in der DDR sozialisierten Künstlerin subjektiv Menschen und Orte. Die Malerinnen Friederike Feldmann und Caroline Weihrauch ziehen aus Gegenständen und Mustern ästhetischen Anreiz, um ihre Bildräume in der Spannung zwischen flächigem Ornament und körperhafter Erscheinung zu konstituieren.Feldmanns Theaterraum steht als krustiges Farbrelief auf der Wand, ihre Luxus-Designer-Tücher tun so, als seien sie nicht Flachmalerei sondern faltiger Stoff.Weihrauchs Paprikaschoten sind exotisch wie japanischer Holzschnitt, rhythmisieren Flächen, um dann abrupt abgeschnitten zu werden.Die Arbeiten von Dorothee Scheer sind wie eine Übergangszone, machen den Raum zu einem intim verwobenen Kabinett, in dem Farbmalereien, Zeichnungen und Gipsformationen auf der Kippe zum Offenen verharren. In klarer und sparsamer Formgestaltung stecken Ruth Baumann, Martina Debus und Anna Werkmeister ihr Terrain ab.Baumann erhält den Umschlag von der Zwei- zur Dreidimensionalität latent im Wechselspiel von umgrenzter Fläche und räumlichem Objekt, Debus läßt lineare Konfigurationen auf der Wand nach einem Cluster-Verfahren entstehen, Werkmeister verschränkt in ihren Objekten transparente und dichte Materialien.Drei Ansätze, möglichst viel Spannung zwischen Form und Raum aufzubauen. Zwei spekulative Positionen nehmen Nami Makishi und Esther Neumann ein.Sie erstellen Modelle, Makishi auf der Ebene der Architektur, Neumann auf der Ebene der Bild-Projektion, die die Imagination aktivieren sollen.Makishis "Location" bleibt offen wie der Grundriß eines Pavillons von Mies van der Rohe.Neumann erstellt im Monitor ein Landschaftspanorama, in das Figuren aus Filmen eingeblendet sind.Die einzige Künstlerin, die sich auf den Kontext des Ausstellungsortes einläßt, ist Ulla Klein, die eine Sitzbank um den Stützpfeiler des Zentralraumes gebaut hat. Kunstamt Kreuzberg, Mariannenplatz 2, Künstlerinnengespräch am letzten Tag der Ausst., 5.Oktober, 17 Uhr.

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