Zeitung Heute : Ohne Narkose

ULRICH AMLING

Kammerorchester Carl Philipp Emanuel Bach im KammermusiksaalULRICH AMLINGEine Mozart-Sinfonie als Erstaufführung kann das möglich sein, nach Mozart-Jahr und "Complete Mozart Edition" auf CD? Hartmut Haenchen, künstlerischer Leiter des Kammerorchesters Carl Philipp Emanuel Bach, hat "beim Herumstöbern" Bruchstücke und Montagehinweise in Briefen Konstanze Mozarts gefunden, aus diesen eine Sinfonie in C-Dur rekonstruiert und mit seinen Musikern einstudiert.Das Werk zeigt den sonst nicht gerade sparsam mit seinen musikalischen Eingebungen umgehenden Mozart als versierten Zweitverwerter.So stammt das Material zum größten Teil aus seiner Festoper "Il Rè pastore", einem Salzburger Auftragswerk.Doch das pauschale Herrscherlob des Librettos hat den 19-jährigen Mozart nicht gerade zu musikalischen Höhenflügen animiert.Auch wenn die Rekonstruktion von Haenchen fließende Übergänge zwischen den Sätzen aufweist einmalig für Mozart im Gegensatz etwa zu Carl Philipp Emanuel Bach kommt die Sinfonie nicht über bemühte Feierlichkeit hinweg: ein eher ernüchternder Blick in die Werkstatt des Komponisten.Ganz anders das anschließende D-Dur-Divertimento.Haenchen und sein Kammerorchester finden hier für jeden Satz eine ganz eigene Atmosphäre.Die sechzehn Streicher formen funkelnde musikalische Miniaturen, die vier Orchesterstimmen spielen wie mit einem Bogen: warm, aber nicht narkotisierend, mit piano-Passagen, die aufhören ließen. Verstärkt durch zehn Bläser und Pauke begann der zweite Teil des All-Mozart-Programms mit einem Marsch.Ein zu Zeiten des Komponisten gängiger Auftakt zu einer Serenade im Kammermusiksaal zur nicht allzu häufig gespielten "Posthorn-Serenade".Sie eröffnet reizvolle, konzertante Dialoge zwischen den Bläsern, die von den Solisten dankbar aufgegriffen wurden.Allen voran belebten die Flötistin Silke Uhlig und Nigel Shore an der Oboe geschmeidig die Zwiesprache.Dunkle Schattierungen setzten die Streicher "con sordino" im Adantino: gedämpft, geheimnisvoll, unwirklich.Ganz diesseitig hingegen das Menuetto, dem Joachim Pliquett mit dem ventillosen Posthorn zünftige Töne verlieh.Beim finalen Presto trieb Haenchen seine Musiker zügig voran, wobei die sonst so feine Balance der Dynamik etwas auf der Strecke blieb. Mit diesem ausverkauften und reich beklatschten Mozart-Abend beendete das Kammerorchester seine Berliner Konzert-Saison.Eine Spielzeit, in der die Musiker zum größten Teil Mitglieder der Staatskapelle an ihren Auftritten in der Stadt nichts verdient haben.Im In- und Ausland begehrt, fühlt sich das Orchester in seiner Heimat nicht genügend gewürdigt.Dabei sieht es sich selbst der Musikgeschichte Berlin-Brandenburgs verpflichtet.Dem Senat war das bislang kein Geld wert.Er verweigerte einen Zuschuß in Höhe von 150 000 Mark, der den Musikern und Gast-Solisten minimale Gagen gesichert hätte.Die Gunst des Publikums ist dem Kammerorchester Carl Philipp Emanuel Bach hingegen sicher.Ob ausverkaufte Mozart-Konzerte den Senat doch noch zu einer Förderung des Orchesters bewegen werden? Die nächste Berliner Saison beginnt jedenfalls am 8.Oktober mit Mozart, ohne Subventionen.

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