Zeitung Heute : Ohne Nebenwirkung?

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Eine Kommission der Europäischen Union hat vorgeschlagen, alle Neugeborenen einem Gentest zu unterziehen. Was wäre, wenn diese Idee Wirklichkeit würde?

Technisch ist der Eingriff harmlos. Ein kleiner Piecks in die Ferse. Ein Tropfen Blut – schon kann man prüfen, ob ein Neugeborenes eine bestimmte Erbkrankheit hat.

Das wird heute bereits gemacht. So testet man bei uns alle Babys auf die Stoffwechselstörung Phenylketonurie. Bei dieser Krankheit lässt sich auf Grund eines defekten Gens der EiweißBaustein Phenylalanin nicht abbauen, er sammelt sich im Blut. Die Gefahr: geistige und körperliche Behinderungen. Mit einer eiweißarmen Diät lassen sich diese Gefahren verhindern, weshalb der Test standardmäßig gemacht wird. Allerdings untersucht man dabei nicht das defekte Gen direkt, sondern den Stoffwechsel.

Man kann aber auch Gene direkt prüfen. Etwa auf die angeborene Stoffwechselerkrankung Mukoviszidose. „Meist ist das nicht sinnvoll“, sagt Hans-Hilger Ropers, Direktor am Max-Planck-Institut für molekulare Genetik in Berlin. Der Grund: Bei vielen Leiden, wie etwa Mukoviszidose oder auch Sichelzellenanämie, ist es nicht nötig, eine Behandlung zu starten, bevor Symptome auftauchen. „Ein Gentest ist dann nützlich, wenn sich der Verlauf der Krankheit für den Betroffenen günstig verändern lässt“, sagt auch die Humangenetikerin Denise Horn von der Berliner Charité. Was sehr oft nicht der Fall ist.

Durch Genscreening von Neugeborenen würde man also kaum neue Erkrankungen verhindern können. Denn auch die Gentherapie steckt noch in den Kinderschuhen. Bei dieser Behandlungsmethode versucht man, die defekten Gene durch funktionierende „auszutauschen“. In den wenigen Beispielen, wo dies gelungen ist, kam es zugleich zu schweren Nebenwirkungen. Der „Gen-Tüv“ für Babys bleibt damit Zukunftsmusik. bas

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