Zeitung Heute : Ohne Phantasie

MALTE LEHMING

Benjamin Netanjahu wehrt sich verzweifelt gegen das Stigma, einen mit großen Hoffnungen versehenen Friedensprozeß zum Erliegen gebracht zu haben.VON MALTE LEHMINGHundert Jahre Zionismus, fünfzig Jahre Israel, fünf Jahre Friedensprozeß: eine Zeit der Bilanzen, des Stolzes, der Ernüchterung.Als gestern der noch amtierende israelische Ministerpräsident, Benjamin Netanjahu, beim noch amtierenden deutschen Bundeskanzler, Helmut Kohl, vorbeisprach, dürfte die historische Dimension allerdings überlagert worden sein von der Aktualität.Beide Männer sind angeschlagen und trotzig zugleich, sie wirken, als lebten sie in einer längst vergangenen Wirklichkeit.Wesentliche Impulse scheinen an ihnen unbemerkt vorübergegangen zu sein.Sie selbst nennen das Standfestigkeit und schimpfen auf eine Öffentlichkeit, die das nicht zu würdigen versteht, sondern als Mangel an Visionen kritisiert.Der eine wehrt sich verzweifelt gegen das Stigma, einen mit großen Hoffnungen versehenen Friedensprozeß zum Erliegen gebracht zu haben.Der andere kämpft gegen das Image des alten, verbrauchten Staatschefs an, der bloß noch durchhalten will.Und beide sind klug genug, um zu wissen: Allein die Behauptung, daß ihr Ruf schlechter sei als ihre Politik, verbessert weder das eine noch das andere.Benjamin Netanjahu ist Zionist, geboren ein Jahr nach der Gründung des Staates Israel.Der Zionismus, so heißt es, hat radikal mit dem zweitausendjährigen Bemühen der Juden gebrochen, sich in einer oft feindlichen Umwelt durch Abgrenzung oder Assimilierung zu behaupten.Das läßt sich auch anders sehen.Denn in einer nationalstaatlich organisierten Welt bedeutet die Gründung eines Staates in gewisser Weise die Vollendung der Assimilierung.Erst mit ihrem Staat wurden die Juden wie alle anderen.Zuvor hat man sie überschätzt oder unterschätzt, man hielt sie für besonders auserwählt oder besonders minderwertig.Seitdem es den Staat Israel gibt, wurden solche Vorurteile reihenweise widerlegt.Die Israelis haben der ganzen Welt bewiesen, daß Juden genauso klug und genauso dumm, genauso tapfer und genauso feige, genauso visionär und genauso kurzsichtig sind wie andere Menschen, gleich welcher Religion oder Nationalität.Der Zionismus - auch das ist ein Erfolg - hat den Juden ein Stück Normalität gegeben, das ihnen jahrhundertelang verweigert worden war.Entsprechend nüchtern sollte die Politik Netanjahus bewertet werden.An ihm zerren die Ungeduld der Weltöffentlichkeit und die Zwänge seiner zerbrechlichen religiös-nationalistischen Koalition.Er ist abhängig von einer Partei, für die das biblische Land ungefähr denselben Stellenwert hat wie für die Grünen in Deutschland die Ökosteuer.Dennoch spürt er wohl, wie absurd es ist, daß an der Schwelle zum dritten Jahrtausend ein Volk mit eigener Sprache, Kultur und politisch-historischer Identität noch immer unter Besatzungsbedingungen lebt.Nur kollidiert diese Ahnung leider mit dem, was er für seine Aufgabe, sein Mandat hält: den Friedensprozeß zwar weiterzuführen, aber ganz anders, als Rabin und Peres es taten.Aus dieser Malaise herauszukommen, scheint mindestens ebenso schwierig zu sein, wie hierzulande eine große Steuerreform gegen die SPD durchsetzen zu wollen.Netanjahu und Kohl: zwei Männer, die vieles trennt, nun vereint im teils selbstverschuldeten, teils schicksalhaften Dilemma.Zu Kohls Verdiensten gehört, daß er die von den Sozialdemokraten begonnene Ostpolitik fortsetzte, die später die Wiedervereinigung erleichterte; daß er die deutsche Ostgrenze völkerrechtlich anerkannte; daß er die Partnerschaft mit Frankreich und Polen pflegte.Netanjahu kann daraus nur eine Lehre ziehen: Sich aus ideologischen Gründen einem unvermeidbaren Wandel entgegenzustellen, ist töricht.Nötig dagegen sind Phantasie und Mut.Hätte es sonst je den Zionismus, den Staat Israel oder einen Friedensprozeß gegeben?

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