Zeitung Heute : Ohne Windows

Die deutsche Linux-Firma SuSE hat ein Paket geschnürt, mit dem die Office-Anwendungen von Microsoft auch ohne die Betriebssysteme von Bill Gates funktionieren

Kurt Sagatz

Letzte Woche war für Bill Gates die Welt noch in Ordnung. Auf der Consumer Electronic Show in Las Vegas demonstrierte der Microsoft-Gründer, wie er sich die Zukunft vorstellt. Interaktive Leichtdisplays steuern alle Geräte in der Wohnung, High-Tech-Armbanduhren informieren ihre Besitzer ständig über das Wetter im bevorzugten Wintersportgebiet oder ob der Wert des eigenen Aktiendepots mal wieder fällt. Genau dies kann dem Marktführer unter den Software-Unternehmen jederzeit selbst passieren, denn die Gefahr durch die Linux-Konkurrenz wächst. Mit Initiativen wie United Linux nimmt der Druck auf den Redmonder Konzern ständig zu. Zuletzt sah sich Microsoft sogar gezwungen, Regierungen und großen Institutionen die Offenlegung des Windows-Quellcode anzubieten, damit nicht weitere staatliche Einrichtungen und öffentliche Verwaltungen ins Linux-Lager abwandern.

Eine weitere Bedrohung der Windows-Vorherrschaft formiert sich derzeit in Nürnberg, beim deutschen Linux-Distributor SuSE. Das Unternehmen, das zusammen mit IBM für mehr Open-Source-Software in der öffentlichen Verwaltung eintritt, hat am Mittwoch ein neues Software-Paket angekündigt, mit dem kleinere Unternehmen und Privathaushalte ganz ohne Windows auskommen können. Das Paket „SuSE Linux Office Desktop“ erlaubt es erstmals, dass Microsoft Office ohne Aufwand auf einem Linux-Rechner läuft. Das Programm Codeweaver CrossOver Office ermöglicht die Verbindung zwischen dem Office-Paket von Bill Gates und dem Linux-Kernel von Linus Thorwalds. Damit laufen nicht nur die Office-Pakete 97 und 2000, sondern auch eine Reihe anderer Produkte wie Visio, Lotus Notes und sogar der Internet Explorer 5.0 und 5.5, die bislang nur unter Windows selbst eingesetzt werden konnten. Allerdings hat dies auch seinen Preis, denn die neue Linux-Office-Solution kostet immerhin 129 Euro.

Anders als bei den sonstigen Linux-Distributionen, die nur einmal bezahlt, aber mehrfach installiert werden konnten, muss bei dieser Version für jeden Arbeitsplatz eine Lizenz erworben werden. Bei Microsoft sieht man die neue Kampfansage der Linux-Konkurrenz jedoch noch aus anderen Gründen gelassen. Denn für Unternehmen kommt es nicht nur darauf an, dass ihre Mitarbeiter weiterhin mit den gleichen Anwendungen arbeiten können, auch Themen wie die Administrierbarkeit, Lizenzverwaltungen und Programmierumgebungen spielen in der Gesamtkostenrechnung eine gewichtige Rolle. Zudem sind nach Ansicht von Microsoft Deutschland Emulationen nur bedingt sinnvoll. So habe Microsoft anfangs auch versucht, das Office-Paket durch solche Lösungen für Macintosh-Rechner von Apple einsetzbar zu machen, was jedoch zu Lasten der Performance ging. Inzwischen wird für den Mac eine eigene Linie entwickelt.

Für das Frühjahr hat SuSE bereits eine Enterprise-Version des Windows-kompatiblen Linux angekündigt. Wer weiß: Vielleicht wird Microsoft irgendwann dazu gezwungen sein, auch eine Office-Linie für Linux zu entwickeln.

Infos zur neuen Linux-Distribution:

www.suse.de

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