Zeitung Heute : Ohnmächtige Wut gemischt mit Furcht - Bretonen bangen um Urlaubssaison

Ralf E. Krüger

Seit Wochen wehren sich die Bretonen mit dem Mut der Verzweiflung gegen die schwarz-klebrigen Ölfladen, die ihnen die Flut immer wieder an Strände und Klippen schwappt. Zwei Monate geht das nun schon so, seit am 12. Dezember 1999 der maltesische Tanker "Erika" im Sturm vor der bretonischen Küste zerbrach. In die ohnmächtige Wut, mit der die Betroffenen die Ölpest bekämpfen, mischt sich zunehmend Furcht vor einer flauen Urlaubssaison. Buchungen kommen nur schleppend.

Denn das Image der klassischen Tourismus-Region mit ihren wild-romantischen Naturschönheiten ist angekratzt. Ein Schatten liegt auf der Urlaubsregion, in der nach offizieller Zählung mindestens 61 000 Vögel dem Öl der "Erika" zum Opfer fielen. Die auf hoher See verendeten Tiere nicht einmal eingerechnet. Die Bilder von ölverkleistertem Gefieder passen nicht zum Idyll unberührter Natur. Hinzu kommen Vorwürfe der Umweltorganisation Robin Wood, wonach provisorische Depots mit dem Ölschlamm aus vorangegangenen Tanker-Unglücken in mehreren Orten einfach überbaut worden sein sollen. Vehement versuchen die Lokalpolitiker, diese Vorwürfe zu entkräften.

120 000 Tonnen Ölschlamm haben die zahlreichen Helfer allein nach der jüngsten Havarie aufgesammelt. Und obwohl sie sich weiter abrackern, um bis zum Beginn der Tourismus-Saison wieder eine saubere Küste zu präsentieren, wird ihr Eifer wohl kaum belohnt werden. "In der Bretagne gibt es im Vergleich zum Zeitraum des vergangenen Jahres 30 Prozent weniger Reservierungen", klagte bereits der regionale Tourismus-Chef Yvon Bonnot. Auch einige Loire-Regionen sind betroffen. Vor allem Nordeuropäer halten sich bisher auffällig mit Reservierungen zurück. Dabei sind die Einnahmen aus dem Tourismusgeschäft für die westfranzösische Region mindestens genau so wichtig wie die aus dem Fischfang.

Das Problem, dem sich die Imagewerber gegenüber sehen, liegt in rund 120 Metern auf dem Meeresgrund. Denn das in den Tanks der beiden "Erika"-Wrackhälften noch enthaltene Öl, das frühestens Anfang Mai abgepumpt werden kann, entweicht allmählich und dringt an die Wasseroberfläche. Bis März hätte der Ölschlamm an der Küste eigentlich verschwunden sein sollen. "Davon sind wir jedoch weit entfernt", meinte der Bürgermeister von Croisic, Christophe Priou, jetzt vor Journalisten.

Zwar hat die Regierung der Region 440 Millionen Franc Finanzhilfe versprochen, doch selbst die dürfte den entstehenden Image-Schaden kaum abdecken. Allein 140 Millionen davon sind für die Reinigung der Strände eingeplant, der Rest für Entschädigungsfonds. Ausgezahlt wurde bisher kaum etwas. In der vergangenen Woche erhielten fünf Fischer die ersten Schecks mit Entschädigungs-Zahlungen. 250 weitere warten dagegen noch immer.

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