Zeitung Heute : Ohren lieben und Ohren heilen

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Heike Jahberg

Es gibt Menschen, die haben eine Vorliebe für bestimmte Körperteile. Solche Neigungen haben oft erheblichen Einfluss auf die Partnerwahl. Zum Glück sind die Objekte der Begierde unterschiedlich: Die einen stehen auf blaue Augen, andere auf braune. Die einen brauchen zum Anlehnen möglichst breite Schultern, die anderen finden feingliedrige Hände oder schmale Hüften sexy.

Wer bei Linda (zwei) landen will, braucht vor allem eines: schöne Ohren. Der höchste Liebesbeweis, den unsere Kleine ihren Mitmenschen zuteil werden lässt, ist es, auf den Schoß der auserwählten Person zu klettern und an dessen Ohren zu spielen. Auch bei der Auswahl ihrer Kuscheltiere spielen Größe und Weichheit der Ohren eine nicht zu unterschätzende Rolle. Kurzum: Schon jetzt ist unser Mädchen ein kleiner Ohrenfetischist.

So gern sie anderen Menschen ans Ohr fasst, so eigen ist die Kleine mit ihren eigenen Lauschern. Die sind top-privat und für jeglichen Zugriff von außen tabu. Das war bislang auch kein Problem. Sie hatte Ohren wie ein Luchs, und ihr entging wirklich nichts. Bis vor wenigen Wochen. Da wurde das Kind schwerhörig. Anfangs wunderten wir uns nur über die bizarren Wortwechsel. Denn die Kleine litt keineswegs unter ihrer Taubheit, sondern plauderte munter weiter. Auf die einfache Frage: „Linda, willst du was trinken?“ antwortete unsere Tochter, dass sie keinesfalls vorhabe, jetzt in die Badewanne zu gehen. Die Bitte, sich für den Kindergarten anzuziehen, verstand sie als Aufforderung, ein Lied zu trällern oder ihre Lieblingskatzi ins Bettchen zu bringen. Erst als sie fröhlich und ungerührt laut heulenden Krankenwagen zuzuwinken begann, machten wir uns ernsthafte Sorgen.

Wir gingen zum Ohrenarzt. Mit bangem Gefühl, weil wir uns noch allzu gut an die Arztbesuche von Lindas Bruder Tom erinnerten. Als der ungefähr in Lindas Alter war, wollten wir herausfinden, warum wir bei ihm so oft auf taube Ohren stießen: Konnte er uns nicht hören, oder wollte er nicht? Der Fachmann erklärte, dass das Kind sofort notoperiert werden müsse und Belüftungsröhrchen für seine Ohren brauche: „Oder wollen Sie, dass Ihr Kind schwerbehindert wird?“ Das wollten wir nicht. Aber wir wollten noch eine zweite Meinung und fragten einen weiteren Experten. Der war schon zur Nachmittagsstunde so angeheitert, dass wir froh waren, als er unser tobendes Kind nicht untersuchen, sondern uns für einen späteren Termin wieder einbestellen wollte. Die dritte Ärztin beteuerte, dass Tom kerngesund sei. Und tatsächlich: Sie hatte Recht.

Linda findet Ohrenärzte toll. Das mag daran liegen, dass der Doktor, den wir jetzt konsultiert haben, erst einmal mit ihr Bücher angeschaut und Gummibärchen verzehrt hat, bevor er in ihre Ohren gucken wollte. Seitdem will Linda auch Ohrenärztin sein. Mit ihrem kleinen Spielzeug-Doktorkoffer ist sie ständig im Dienst. Mitbewohner, Tiere, Besucher, alle werden untersucht. Und wehe, die Ohren sind nicht gesund. Dann bestellt Doktor Linda ihre Patienten erneut ein – zur Ohren-OP.

Ohrenärzte finden Sie in den Gelben Seiten, Doktorkoffer gibt es in Spielzeuggeschäften – je nach Ausstattung für zehn bis 20 Euro.

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