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YANN OLLIVIER

Frankreichs Onlinedienst Minitel mit sieben Millionen KundenVON YANN OLLIVIER

Für den Amerikanern steht es gar nicht in Frage: was Online-Dienste betrifft, sind sie doch als Erfinder des Internet die Besten.Doch mit 6,9 Millionen Anschlüsse ist Minitel der größte Online-Dienst der Welt, größer sogar als America Online (AOL) und Compuserve.Das Projekt Minitel ist Ende der siebziger Jahren entstanden.Inzwischen hat sich Minitel stark in den Alltag der Franzosen eingemischt. "Es ist oft so mit einer Erfindung", sagt Gerard Merveille, Leiter der Pressestelle von France Telecom, "ihre Entwickler hätten sich nie träumen lassen, in welcher Weise das System einmal eingesetzt werden würde, denn eigentlich sollte Minitel eine Datenbank mit Zugriff beispielsweise auf sämtliche Telefonnummern Frankreichs werden." Im Zusammenhang mit der Modernisierung des Netzes wurde eine Datenbank für Telefonanschlüsse aufgebaut und ein Terminal konzipiert, um dieses Online-Telefonbuch abzurufen.Im Bereich der Teleinformatik waren die Franzosen keine Vorläufer, doch im Gegensatz zu den Deutschen und den Amerikanern wollten sie keinen Personal Computer konzipieren.Das Minitel sollte ein Gegenmodell zum damaligen PC sein: ein einfaches Terminal, ohne Speicherkapazität.Seine Herstellungskosten waren gering, und seine Benutzung einfach. 1985 wurden die regionalen Datenbanken miteinander verknüpft.Gleichzeitig sind die Erfinder auf der Idee gekommen, private Online-Informationsdienste im Minitel-Netz zu gründen: Man wollte Banken, Verwaltungen und Unternehmen die Möglichkeit geben, online Informationen bereitzustellen.So ist die Idee des "Kiosk" entstanden: Wie an einem Zeitungsstand vermittelt France Telecom in Kommission die Waren und gibt einen Teil des Preises an den Dienstleistungsanbieter weiter. Das System war so erfolgreich, daß auch Anbieter jenseits der trockenen Datenbanken es zu nutzen begannen.Die Entwickler hatten den Erfolg des "Minitel Rose", also der erotischen Dialogforen und Kontakbörsen überhaupt nicht geahnt."Minitel-Sex" und "Online-Flirt" wurden schnell zum soziologischen Phänomen.Für France Telecom bedeutete es ein großes Geschäft, doch eine Regulierung war erforderlich.Letzendlich wurde eine Verwaltung, der "Conseil Superieur de la Telematique" (CST), zu diesem Zweck gegründet.Damit wurde sichergestellt, daß über Minitel keine jugendgefährdenden Inhalte verbreitet werden. Gleichzeitig stieg die Verbreitung der Minitel-Terminals kräftig.Anfang 1986 gab es schon 1,4 Millionen Minitels.Heutzutage sind es 36 Prozent der Franzosen (etwa 12,5 Millionen) die einen Zugang zum Minitel haben, sei es zu Hause oder am Arbeitsplatz. Nach dem Boom des "Minitel Rose" ist der Minitel ein nützliches Hilfsmittel geworden, denn der Entdeckungseffekt war zu Ende.Heutzutage wird Minitel eher aus praktischen Gründen benutzt: meist um eine Telefonnummer zu finden, oder für Homebanking (25 Prozent).Danach kommen die Informations- und Reservierungsdienste im Transport- und Tourismusbereich (11,5 Prozent).Doch für manche Benutzer ist Minitel mehr als ein Mittel, um über die Telefonleitung zahlreiche geschäftliche Erledigungen zu machen.Sie lassen sich von diversen Werbeangeboten verführen: Horoskope konsultieren, Leute kennenlernen, sich über das Wetter am Tag Ihrer Geburt informieren, und, und, und.Allerdings kommt es am Monatsende häufig zu einem bösen Erwachen, wenn die Telefonrechung ins Haus flatert.Es ist zwar relativ preiswert, ein Minitel zu Hause zu haben, doch die Benutzungsgebühren sind hoch. Heute stagniert der auf 6,6 Milliarden Francs (rund 2 Milliarden DM) bezifferte Markt.Die Nutzungsdauer geht zurück, auch die Verbreitung des Minitel wird langsamer.Hinzu kommt, daß das Internet auch für Minitel langsam zu einer Konkurrenz wird.Aufgrund dieser neuen Konkurrenz muß sich das Minitel verändern.Die vergleichsweise hohen Tarife sollen deutlich gesenkt werden, außerdem hat France Telecom neue und schnellere Terminals auf dem Markt gebracht.Das neue Minitel soll die Übertragung von Bildern ermöglichen, sowie die Benutzung von Chip-Karten.Die Kopplung von Minitel und Computer ist heute möglich, ebenso wie der Zugang zum Minitel-Netz vom Internet aus.Für France Telecom ist das Minitel kein "Anti-Internet": "Sie ergänzen sich", behauptet Merveille.Bei France Telecom denkt man, daß das Internet das Minitel kurzfristig nicht verdrängen wird: "Das Minitel hat seine Marktnische gefunden, und hat noch viele Jahren vor sich".

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