Zeitung Heute : Online in Geschichte und Zukunft

KURT SAGATZ

Berliner Wissenschaftler präsentieren ihre Projekte auf der CeBITVON KURT SAGATZ HANNOVER.Die Organisatoren des Berliner Forschungsmarktes haben eines mit der Messeleitung der CeBIT gemeinsam: Sie haben mehr Interessenten als Fläche zur Verfügung.Bei weitem mehr, wie Forschungsmarkt-Projektleiter Horst-Günther Meier in Hannover gegenüber dem Tagesspiegel erklärte.Dabei wurde die Zahl der Aussteller auf dem Forschungsmarkt, die alle aus dem Bereich der Berliner Wissenschaft stammen, auf die Rekordzahl von 26 erhöht.Gleichwohl war es unumgänglich, die Zugangsvoraussetzungen für den Messeauftritt zu erhöhen, so Meier, der hierbei mit der ebenfalls strenger gewordenen Vorauswahl der Hochschulen durchaus zufrieden ist.Am stärksten vertreten auf dem CeBIT-Forschungsmarkt ist traditionell die Technische Universität, die in diesem Jahr gleich mit sechs Exponaten anreiste.Mit je fünf Ausstellungsstücken kamen Freie Universität und Humboldt-Uni an die Leine.Neben diesen "Großausstellern" der Berliner Wissenschaft sind noch die TFH, die Fachhochschule für Wirtschaft, das Heinrich-Hertz- und das Konrad-Zuse-Institut sowie die GMD und dassburo.de auf dem Berliner Gemeinschaftsstand in Halle 26 vertreten.Zumindest dem Internet-Nutzer nicht unbekannt ist das Ausstellungsstück der TU-Projektgruppe KIT.Die Wissenschaftler unter Leitung von Professor Bernd Mahr haben die Internet-Suchmaschine "Fireball" für die Verlagsgruppe Gruner+Jahr entwickelt.Im Gegensatz zu den großen internationalen Suchmaschinen wie Alta Vista und Yahoo haben sich die Berliner ausschließlich auf den deutschsprachigen Raum konzentriert.Dies hört sich trivialer an, als es ist, denn nicht nur unter der Endung .de verbergen sich Seiten mit deutschen Inhalten.Viele deutsche Firmen sind auch unter der Endung für kommerzielle Dienste .com zu finden.Die Berliner haben ihre Software-Agenten daher so programmiert, daß sie selbsttätig feststellen, ob auf einer Web-Seite Inhalte in deutscher Sprache vorliegen.Ist dies der Fall, wird das Angebot in die Datenbank aufgenommen.Die gründliche Arbeit der Suchmaschine führte zum gewünschten Erfolg: Inzwischen ist Fireball die meistgenutzte Suchmaschine für deutsche Inhalte, wie Helmut Oertel auf der CeBIT erklärt.Pro Monat kommt die Suchmaschine, übrigens offizieller Suchpartner von T-Online, auf 15 bis 16 Millionen Seitenabrufe.Vom geschäftlichen Erfolg der werblichen Vermarktung haben die TU-Leute allerdings nichts.Sie erhalten nur das Salär für die Entwicklung der Technik, der Rest geht an Gruner+Jahr.Der Berliner Forschungsmarkt kann inzwischen auf eine lange Tradition zurückblicken.Immerhin handelt es sich bereits um das 14.Jahr, in dem die TU-Einrichtung Messeauftritte Berliner Wissenschaftler organisiert.War es anfangs nur eine Messe pro Jahr, so sind die Berliner inzwischen auf jährlich fünf Veranstaltungen vertreten.Zusätzlich dazu findet einmal jährlich ein "Schaufenster" in Berlin statt, um auch daheim zu zeigen, welche interessanten Entwicklungen in den Labors der Universitäten und Forschungseinrichtungen stattfinden.Tradition beziehungsweise Historie steht auch im Mittelpunkt des TU-Projektes "Zeitreisen in virtuellen Online-Landschaften".Neben der Forschungsgruppe KIT sind hieran das Zentrum für Berlin-Studien, die Zentral- und Landesbibliothek, das Fraunhofer-Institut sowie die Kulturbox GmbH beteiligt.Ihr Ziel: Die historische Entwicklung Berlins in einem dreidimensionalen Software-Modell darzustellen.Zur Darstellung bedienen sich die Mitarbeiter der VRML-Technologie zur Navigation durch Virtuelle Realitäten.So wird etwa der Berliner Stadtteil Friedrichswerder mit seiner wechselvollen Geschichte von 1848 bis heute abgebildet.Dargestellt wird dabei nicht nur die Entwicklung der Architektur, sondern auch von anderen zeittypischen Objekten wie Straßenmöbeln und Verkehrsmitteln.Finanziert wird das auf zwei Jahre angelegte und vom DFN-Verein geförderte Projekt mit Mitteln der DeTeBerkom.Ferner sponserte die Bauakademie die Forschungsarbeit.Am Ende der zwei Jahre sollen die Arbeiten über Terminals in den beteiligten Museen, Archiven und Bibliotheken in Berlin zugänglich gemacht werden.Wie alle Einrichtungen aus dem Hochschulumfeld hat auch der Forschungsmarkt unter der Mittelknappheit zu leiden.Immerhin ist der Etat, den die TU-Einrichtung 1998 vom Senat erhält, gegenüber 1997 konstant geblieben.Zudem konnte Meier die Messebauer überzeugen, ihre Preise stabil zu halten.Ein nicht unerheblicher Faktor, da allein die Kosten für Transport, Aufbau und Öffentlichkeitsarbeit für die CeBIT mit 400 000 DM zu Buche schlagen, und das bei einem Jahresetat für alle Messen von 1,2 Millionen DM, der zu 30 Prozent von den ausstellenden Hochschulen selbst getragen wird.Etwas neidvoll schaut Meier daher auch auf die Messestände aus Nordrhein-Westfalen und Bayern.Gerade das südliche Bundesland habe erkannt, wie wichtig der Messeauftritt der Wissenschaftler sei und deshalb die Bayern Innovativ GmbH gegründet, die die Besuche nun organisiert.Hier sei eine ganz andere politische Kraft als in Berlin zu spüren, meint der TU-Wissenschaftler.Mit der Landesinitiative "Der Berliner Weg in die Informationsgesellschaft" habe sich zwar auch an der Spree etwas getan, doch er habe von diesem "Projekt Zukunft" bislang noch nichts gespürt, so Meier.Auf der CeBIT können die Besucher der Halle 26 sehen, daß an den Berliner Hochschulen Software-Entwicklungen mit wirtschaftlichem Hintergrund entwickelt werden.So beispielsweise am Forschungsmarkt-Stand "ProVision".Hier wird eine "Virtual Reality Workbench zur kooperativen Modellierung von Geschäftsprozessen" vorgestellt, die von TU-Wissenschaftlern der Informatik entwickelt wird.Der Name klingt abstrakter als die Anwendung, mit der die Strukturen großer Unternehmen dreidimensional dargestellt werden können.Durch die räumliche Darstellung kann beispielsweise erkannt werden, an welchen Stellen im Unternehmen Arbeitsprozesse durch ungeschickte Organisationsformen behindert werden, wie Feng Gu mittels 3D-Brille und einem speziellen Navigationsstiftes auf dem Bildschirm demonstriert.Selbst für den Umzug der Bundesregierung und ihrer Institutionen könnte ProVision sinnvoll eingesetzt werden.Daß der CeBIT-Besuch für die Wissenschaftler lohnend ist, zeigen die Erfahrungen aus den Vorjahren.Im letzten Jahr wurde beispielsweise ein innovatives Kiosksystem vorgestellt.Nicht nur der Tagesspiegel hatte darüber berichtet.In der Folge konnte sich der junge Wissenschaftler über diverse Aufträge für die Kioskterminals freuen.Das Beispiel ist keine Ausnahme, wenn auch der Erfolg selten so genau in Mark und Pfennig ausgerechnet werden kann wie hier.Doch auch die Kooperationen mit Wirtschaftsunternehmen, die auf der CeBIT angebahnt werden, können für die Wissenschaftler den entscheidenden Schritt zur Entwicklung marktfähiger Produkte bedeuten.

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