Zeitung Heute : Online-Journalismus: Die Tempomacher der Medienbranche

Harald Olkus

"Kannst du bitte versuchen, alle Nachrichten mindestens drei Absätze lang zu machen? Sonst okay, Kaffee ist gleich fertig." Diese Schlusssätze einer Meldung des deutschen Nachrichtenportals "Yahoo Finanzen" über Massenentlassungen beim US-Sender NBC zeigen, dass im schnellen Online-Medium hin und wieder sogar die Korrekturen des Redaktionsleiters ihren Weg ins Netz finden. Und die Kaffeekanne scheint auch in Online-Redaktionen meistens leer zu sein. Zumindest in dieser Hinsicht unterscheidet sich das neue Medium nicht von seinen traditionellen Geschwistern.

Das Online-Medium gilt als neuer Arbeitsmarkt, der Print-Journalisten, Seiteneinsteigern und Berufsanfängern gute Chancen bietet. Denn das Internet wächst weiter - und mit ihm die Zahl der Journalisten, die für das Medium arbeiten. Nicht zuletzt deshalb hat sich die am Mittwoch eröffnete CeBIT in Hannover zur Kontakt- und Stellenbörse Nummer Eins entwickelt. Nach dem großen Anfangserfolg im vergangenen Jahr wird der "Job Market" auf der CeBIT wieder zum Treffpunkt für Bewerber und Stellenanbieter - nicht nur Webseitengestalter und Systemadministratoren: Auch Online-Redakteure können sich dort einen Überblick über aktuelle Trends und Entwicklungen auf dem elektronischen Arbeitsmarkt verschaffen.

Denn der Stellenmarkt des jungen Mediums beginnt sich immer mehr zu stabilisieren. Im vergangenen Sommer waren bereits mehr als 2000 Journalisten in Online-Redaktionen beschäftigt, wie die Katholische Universität Eichstätt in ihrer Studie "Journalismus und Internet" erhob. Sie hatte 187 Online-Redaktionsleiter befragt und dabei festgestellt, dass nur ein Drittel der Redakteure bei reinen Online-Anbietern, wie AOL oder T-Online beschäftigt war. Die überwiegende Mehrheit arbeitete bei den Online-Redaktionen der traditionellen Medien, wie Tageszeitungen, Magazinen oder dem Rundfunk.

Dennoch gelten in den Online-Redaktionen andere Regeln. Die Mitarbeiter üben zum Teil andere Tätigkeiten aus und müssen auch andere Voraussetzungen mitbringen als ihre Kollegen in den Redaktionen der klassischen Medien. Zwar wird auch hier das Schreiben und Recherchieren als selbstverständlich erachtet - und dies auch möglichst schnell. Das Medium verlangt kurze und knappe Texte, die aber dennoch alles sagen - denn im Netz ist der Leser "flüchtig". Er will schnell das Wichtigste erfassen und weiterklicken.

So weit sei das Tätigkeitsfeld dem der traditionellen Kollegen sehr ähnlich, heißt es in der Studie. Online-Redakteure hätten allerdings deutlich mehr technische Aufgaben. Sie sollten sich gut mit Computern und im Internet auskennen und sie müssen sich um kaufmännische Belange kümmern, wie die Gestaltung von Werbung, E-Commerce oder Kundenauftritten.

Andreas Kaiser, Redaktionsleiter von Urban Media (Tagesspiegel, meinberlin, Zitty Online), geht sogar noch einen Schritt weiter. "Ein Online-Redakteur macht eine völlig andere Arbeit", sagt er. Außer bei Spiegel Online oder der Netzeitung seien die klassischen Aufgaben des Journalisten im jungen Medium weniger gefragt. "Rausgehen, recherchieren, interviewen und daraus einen Text schreiben, das kommt bei uns kaum vor." Er und seine Kollegen fühlen sich eher als "Content Manager", als Verwalter von Inhalten, denn als Autoren.

"Bei uns ist es wichtig, Essenzen aus verschiedenen Texten zu ziehen und kurze Teaser zu schreiben, mit denen wir für den User Anreize schaffen wollen, die längeren Texte zu lesen." Denn die Redaktion schreibt kaum eigene Texte, sondern nutzt die Kompetenz der Kollegen aus den Print-Redaktionen des Tagesspiegels. Neben aktuellen Berichten aus dem Nachrichtenticker werden die Tagesspiegel-Texte neu aufbereitet und zusammengestellt. "Wichtig ist dabei, dass wir immer versuchen, einen Mehrwert herzustellen", sagt Kaiser. "Mit Hintergrundberichten, Chronologien oder Vorgeschichten beleuchten wir Themen wie BSE, Bezirksreform oder Berlinale von möglichst allen Seiten", sagt Kaiser. Denn Platz bietet das Medium im Gegensatz zur Papierausgabe genug. Um das zu leisten, bedarf es allerdings einer engen Anbindung an die Print-Redaktion und eines Redakteurs, der zwar wenig schreiben, aber gut im Stoff stehen muss. Ein großes Plus bei der Arbeit als Online-Redakteur ist die Vielfalt der unterschiedlichen Tätigkeiten, sagt Kaiser. Neben dem Schreiben betreuen die Redakteure Chatrooms und Foren, in denen die User ihre Meinung zu ausgewählten Themen ins Netz stellen können. Hier ist der Redakteur als Moderator und Zensor gefragt, denn Texte mit eindeutig pornografischen, verfassungsfeindlichen, oder werbenden Inhalten werden gelöscht.

Ein Online-Redakteur muss jedoch mehr können, als Texte zu verarbeiten. "Die optische Aufbereitung ist in dem Medium sehr wichtig", sagt Kaiser. Grafiken nehmen einen hohen Stellenwert ein und schliesslich kann man auch mit Bildern Geschichten erzählen sowie O-Töne und bewegte Bilder mit einbeziehen. Neben einer Affinität zum Arbeitsgerät Computer sollte der Online-Redakteur deshalb rudimentäre Programmierkenntnisse haben, Bilder und Grafiken bearbeiten und Datenbanken programmieren können. "Und schließlich sollte man auch einen Blick für Geschichten haben, die sich vermarkten lassen", sagt Kaiser. Denn die Zusammenarbeit zwischen Redakteur und Sales Manager, sprich der Anzeigenabteilung, sind im Online-Bereich des Tagesspiegels enger als in der Print-Ausgabe. Da die Arbeit als Online-Redakteur sehr spezifisch ist, bildet die Redaktion den Nachwuchs selbst aus. "In Praktika, die wir erst kürzlich auf drei Monate ausgeweitet haben, und Bedarfsarbeitsplätzen bringen wir unseren neuen Leuten alles bei, was sie wissen müssen", sagt Kaiser. Kaffee machen sollten sie aber schon vorher können.

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