Zeitung Heute : Online-Journalismus: Watergate im Netz

Hendrik Vöhringer

In der Net-Community wird diese Geschichte immer wieder gern erzählt: Das amerikanische Print-Magazin "Newsweek" hatte 1999 eine fertige Geschichte zu der Clinton-Lewinsky-Affäre in der Schublade. Enthüllendes Material, ein klassischer journalistischer Scoop. Doch "Newsweek" zögerte mit der Veröffentlichung, der Präsident war verwickelt, die Story zu heikel. Der Internet-Klatschreporter Matt Drudge sah seine Chance und stellte seine Recherchen in den "Drudge-Report" und brachte so als Erster den Namen Monica Lewinsky in die Öffentlichkeit. Keine Website der Welt wurde daraufhin so oft angeklickt wie die von Drudge.

Eine inzwischen legendäre Geschichte, die den Reiz des Online-Journalismus dokumentiert: Mit dem Medium Internet schneller und exklusiver zu sein als die anderen. Gerade von den USA ging eine Welle der Begeisterung aus. Nicht wenige erhofften sich vom Internet die Geburt eines "neuen multimedialen Journalismus".

Die Realität sehen die Online-Experten in Deutschland allerdings sehr nüchtern. "Eigenständige Webangebote, die viel Multimedia und Interaktivität bieten, sind in Deutschland stark unterentwickelt", sagt Jens Schröter von der Akademie für Publizistik in Hamburg. Von Multimedialität und Interaktion sei man noch weit entfernt. Nicht zuletzt die geringen Kabelkapazitäten hielten den Raum für Multimedia begrenzt. Doch jetzt sieht Jens Schröter einen Wendepunkt gekommen: "Die Zeit der Dilettanten im Internet ist vorbei."

Dafür soll, unter anderem, ein neu entwickeltes Online-Volontariat sorgen. Für qualifizierten Nachwuchs gab es bisher keine einheitlich geregelte Ausbildung. Daher haben sich im Oktober des vergangenen Jahres einige Verlagshäuser wie die Milchstraße, der Heinrich Bauer Verlag, der Jahreszeitenverlag und Online-Dienste wie AOL Deutschland und Clickfish zusammengetan und Richtlinien für ein Online-Volontariat festgelegt. "Wir wollten einen verbindlichen Standard schaffen, der die Rechte und Pflichten sowohl für das Unternehmen als auch für die Volontäre festlegt", erklärt Mitinitiator Wolfgang Naegele von der Verlagsgruppe Milchstraße: "Das Internet ist ein eigenständiges Medium, daher brauchen wir auch eigenständige Ausbildungsstandards."

Genau zwei Jahre dauert die Ausbildung. Im Mittelpunkt steht die Vermittlung des klassischen journalistischen Handwerks. Auf den richtigen Umgang mit den Informationsquellen soll besonders geachtet werden, schließlich erfordert die Schnelligkeit des Netzes besondere Sorgfalt. Darüber hinaus muss jeder Volontär die Grundlagen der Multimedia-Gestaltung zu nutzen wissen: Wann setzt man Bewegtbilder ein, welche Hyperlinks installiert man, wie moderiere ich einen Chat, wie setzt man einen Inhalt grafisch ansprechend um?

Gerade an der Umsetzung hat es in der Vergangenheit gehapert. Deshalb glaubt auch Mathias Müller von Blumencron, Chefredakteur von "Spiegel-Online", dass die Gestaltung der Internetseiten besser werden muss: "Mit mehr Personal wäre das sicherlich möglich, aber viel wichtiger als die Form ist ein guter Inhalt." Dafür arbeiten beim "Spiegel" jetzt 30 festangestellte Redakteure und noch einmal so viele technische Mitarbeiter. Doppelt so viele wie noch vor einem Jahr. Die Hoffnung, die sich dahinter verbirgt: Es soll in Zukunft mehr exklusive, eigenrecherchierte Geschichten geben, die das Renommee erhöhen.

Doch nicht hinter jedem Online-Produkt steckt ein potenter Geldgeber wie bei "Spiegel-Online". Werbung allein kann in Deutschland noch kein Web-Angebot finanzieren - und auch aus den USA kommenschlechte Nachrichten. Der Online-Ableger der "New York Times" entließ kürzlich knapp 70 Mitarbeiter wegen des schwachen Werbeaufkommens, Rupert Murdochs News Corporation kürzte im Online-Bereich seines Unternehmens rund 100 Stellen. Ein schlechtes Omen auch für den deutschen Markt? Tatsächlich sind die Einnahmen aus der Online-Werbung sehr gering. Die Interessengemeinschaft zur Feststellung von Werbeträgern (IVW) schätzt den Umsatz in der Online-Werbung auf 300 Millionen Markt. Das entspricht im Vergleich zu 1999 zwar einer Verdoppelung, ist aber in Anbetracht des gesamten Werbeumsatzes der Medien (45 Milliarden Mark) immer noch sehr wenig. "Spiegel-Online"-Chef von Blumencron glaubt jedoch an eine rosigere Werbezukunft: "Werbung wird auf absehbare Zeit unsere Haupteinnahmequelle bleiben. Wir setzen auf neue Werbeformen, beispielsweise größere Werbeflächen als die traditionellen Banner."

Doch vorerst bleibt das Internet ein typisches Ergänzungsmedium, eine strategische Erweiterung der großen Verlagshäuser. "Cross-Media" lautet ihr Konzept: Die Verlagshäuser greifen mit den Gewinnen aus ihren Print-Produkten den vorerst noch Verlust bringenden aber zukunftsträchtigen Online-Angeboten finanziell unter die Arme. Im Gegenzug sollen über die aktuellen und interaktiven Angebote im Internet neue Leser gewonnen werden. "Cross-Media" funktioniert allerdings vor allem bei "journalistischen Marken", kleinere Angebote werden es schwer haben.

Den erhöhten Druck wird auch Matt Drudge, der Internet-Klatschreporter, bemerkt haben. Im vergangenen Jahr verbreitete er in seinem Report die Meldung, dass ein wichtiger Berater des Präsidenten außereheliche Affären hätte und darüber sogar Polizeiakten angelegt seien. Doch diesmal war er falsch informiert. Jetzt wird er nicht nur mit seiner Lewinsky-Enthüllung in die Geschichte des Internet-Journalismus eingehen, sondern auch als der erste Journalist überhaupt, der vom Weißen Haus zu 30 Millionen Dollar Schmerzensgeld verklagt wurde.

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