Zeitung Heute : Online-Seelsorge: Ostern im Internet

Andreas Osterhaus

In "Funcity" gibt es nicht nur eine Bank und Wolkenkratzer, sondern auch eine Kirche, in der jeder Internet-Surfer seine Sorgen abladen kann. Kaplan Lampe und drei andere Seelsorger der Website bieten Ratsuchenden ihre Dienste an. Auf der Homepage des Internet-Betreibers können die User eine Fürbittenbox anklicken, um sich mit dem Jenseits in Verbindung zu setzen. Gründonnerstag hat sich "somebody" der Internet-Gemeinde und einem höheren Wesen anvertraut: "Ich verstehe Deine Wege nicht, aber Du weißt den Weg für mich."

Gottesgrüße im Cyberspace haben Konjunktur. Das wissen auch die traditionellen Kirchen. Für den Internet-Beauftragten der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD), Hans Schoeb, der in Hannover mit zwei Mitarbeitern bis zu 3000 Mails pro Monat bearbeitet, steht fest: "Ein Mausklick fällt leichter als der Schritt über die Kirchenschwelle."

Das Internet gehöre nun einmal zu den heutigen Kommunikationsmitteln, sagt Rudolf Hammerschmidt, Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz (DBK). "Wir müssen da noch mehr tun." Die katholische Kirche sei dem Internet gegenüber aufgeschlossen. Intensiv wird auch in der Bischofskonferenz über Möglichkeiten der Seelsorge im Internet diskutiert. Dabei herrscht die Ansicht vor, das Weitergeben des Glaubens könne im Grunde nur im persönlichen Gespräch und in den Kirchengemeinden erfolgen. Die Idee, "virtuelle Gemeinden einzurichten", stoße bei der Bischofskonferenz "nicht auf Gegenliebe", stellt Hammerschmidt fest. Immerhin könne aber der Gedankenaustausch im Internet als ein Anstoß dienen.

Die EKD ist beherzt auf den fahrenden Zug aufgesprungen. Das Gemeinschaftswerk der evangelischen Publizistik hat in Hannover eine Internet-Zentrale eingerichtet, die sich nach den Worten des EKD-Beauftragten Schoeb "praktisch zu einem Call-Center auf e-mail-Basis" entwickelt hat. Besonders regen Zuspruch hatte in den vergangenen Wochen ein Service zur Verschickung von SMS-Nachrichten an Fastende. Mit einem Bibelspruch zum Tage, der auf die Handys der Gläubigen übertragen wurde, wollten die Anbieter den Teilnehmern der Fastenaktion "das Gefühl vermitteln, dass sie begleitet werden". Der Kreis der Teilnehmer wuchs in diesem Jahr von 5 000 auf 9 000. Laut Schoeb meldeten sogar 15 000 ihr Interesse an, aber die Mittel der Sponsoren reichten dafür nicht aus. Die Grenzen zwischen ernsthafter Betreuung von Gläubigen und Schabernack sind fließend. Wer im Internet surft, wird auch Hinweise auf ein "Vaterunser in Technoversion" und "Klamauk unterm Kreuz" finden. Die englischsprachige Website "The Confessor" bietet die Möglichkeit, im Internet eine Beichte abzulegen.

Der virtuelle Beichtvater öffnet den Beladenen auf himmmelblauem Grund sein Ohr, Schmetterlinge und welkes Laub trudeln über den Bildschirm. Fühlt sich der Sünder ermutigt, so kann er hinter der Eingangsfloskel "Dear God ..." seine Fehler auflisten. Fehlen ihm die Worte, so wird eine Standardbeichte bereit gehalten: "Ich habe meine Mitmenschen verletzt, mich selbst enttäuscht - ich bitte um Vergebung."

Auf Dutzenden von Internet-Seiten werden Ratsuchende angelockt. "Schreiben Sie Ihre Sorgen ins Net, treten Sie ins Jenseits ein!" Gläubige können sich Bitt- und Dankgebete im Internet herunterladen, um ihre privaten Einkehrtage im virtuellen Pfarrhaus zu organisieren. Funcity bietet ein Fürbitten-Forum "für alles, was Ihr Gott sagen möchtet".

Schon hat sich ein Anonymus zu Wort gemeldet, um in freien Versen über ein Beziehungsproblem zu klagen: "Die schönsten Wörter habe ich zusammengesucht und unter dein Kopfkissen gelegt", schreibt die "Wollmaus" - "und morgens stehst du auf und berichtest mir von bösen Träumen." Gleich anschließend bittet dann noch "Angel-of-the-Darkness" um Hilfe: "Es wäre so schön, wenn sich meine Eltern nicht die ganze Zeit streiten würden, vielleicht kannst du ihnen mehr Verständnis füreinander geben."

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben