Zeitung Heute : Online-Shopping ohne Streß

SUSANNE PREUSS

BERLIN .Die Einkaufsadresse liefert die Nichte zu ihrem Wunsch gleich mit: "Am besten bestellst Du übers Internet".Französische Krimis wünscht sich die Studentin - da ist die Auswahl im Buchladen in der Tat ziemlich bescheiden.Also ran an den PC und siehe da: Virtuelle Buchgeschäfte gibt es wie Sand am Meer.Kaum eines versäumt darauf hinzuweisen, daß tausende ausländischer Titel schnell geliefert werden können.So leicht waren die Wünsche der Studentin noch selten zu erfüllen."In rund 20 Wochen ist Weihnachten.Können Sie sich vorstellen, ihre Weihnachtseinkäufe im Internet zu erledigen", fragt ein virtueller Meinungsforscher.Ja! antwortet man nach dem Erfolgserlebnis und macht sich gleich zum Einkaufsbummel auf.Vielleicht findet sich ja per Net der lange gesuchte Duschvorhang, der zu den violetten Bodenfliesen paßt?

Nach zwei, drei Stunden in der virtuellen Shoppingwelt macht sich jedoch Frust breit.Während man beim Bücherkauf genau weiß, wonach man sucht (Autor, Titel), erlebt man bei anderen Produkten herbe Enttäuschungen.Das größte Problem: Wo soll man den Duschvorhang suchen? Überall auf den 14 Millionen Seiten des deutschsprachigen Raums im World Wide Web können Einkaufsquellen zu finden sein: Hersteller bieten Bestellmöglichkeiten, die bekannten Handelsketten und tausende kleiner Geschäfte sind online.Natürlich gibt es auch im Net Einkaufszentren, doch deren Namen sind uns (noch?) unbekannt.Manche Shoppingmall erinnert an echte Bauruinen: wenig Läden, langweiliges Sortiment, überteuert.

Nur 0,075 Prozent der Einzelhandelsumsätze in Westeuropa werden 1998 übers Internet abgewickelt, schätzt die Basler Prognos AG - eine ernüchternde Zahl angesichts der weitverbreiteten Internet-Euphorie.Doch bei den Zukunftsaussichten übertrumpfen sich die Marktforscher.Allein für Bücher, Musik und Software prognostizieren die US-Marktforscher Jupiter Communications für das Jahr 2002 einen Umsatz von 3,3 Mrd.DM in Deutschland.Forrester Research erwartet, daß schon in drei Jahren 29 Mrd.DM von deutschen PCs online umgesetzt werden.Das wäre das eineinhalbfache dessen, was der Kaufhausriese Karstadt mitsamt seiner Versandhandelstochter Neckermann im Jahr umsetzt: der Markt scheint zu explodieren.

Manchem mögen die Prognosen gewagt erscheinen.Doch es spricht Bände, daß selbst der konservative Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) rechnet, daß in zehn Jahren 10 bis 12 Prozent des Umsatzes (100 Mrd.DM) online laufen.Da würde mancher Arbeitsplatz überflüssig.

Auch bei Banken, Versicherungen und in Reisebüros, kann der Kunde viel selbst erledigen - am heimischen PC.Stefan Grellert vom Elektronik-Versender Conrad schwärmt: "Internet-Kunden sind kostengünstig.Die Aufträge gehen direkt ins EDV-System".Dem Verbraucher dürfte das nicht viel ausmachen: Es ist die gleiche Arbeit, ob er das Überweisungsformular mit dem Kuli ausfüllt oder die Daten in den PC tippt.Der elektronische Weg bietet auch Vorteile: man kann zuhause bleiben, ist unabhängig von Geschäftszeiten und braucht keinen Parkplatz.

Vom Abbeizmittel bis zur Zuckerdose, im Internet gibt es alles.Am schönsten sind die Schnäppchen, die man beim Surfen nach Ladenschluß erwischt.Zum Beispiel den Astrologiekurs für Anfänger, für 485 DM bei www.eemb.net .Dort wird einem auch eine Ballonfahrt über die Alpen schmackhaft gemacht - für 660 DM.Zu billig? Wie wäre es mit einer 5000-Dollar-teuren Platzkarte für die Superbowl, das Endspiel der US-Football-Liga ( www.buyitonline.com )? Die amerikanische Verwandtschaft oder japanische Geschäftsfreunde ließen sich aber auch mit einer Schwarzwälder Kuckucksuhr beglücken ( www.cuckoo-clocks.com ).Wer den "black forest" im Original erleben möchte, bekommt passendes Kartenmaterial günstig beim Landesvermessungsamt ( www.lv-bw.de ).Eine teure Adresse ist dagegen www.jetsetonthenet.com/main .Doch vielleicht ist die Luxus-Yacht hier sogar günstiger zu mieten (25 000 Dollar pro Woche) als anderswo? Nach Recherchen der Wirtschaftsberatung Ernst & Young waren 87 Prozent aller untersuchten Produkte online günstiger als im normalen Geschäft.Wem auch das zu viel ist, der besucht www.kostenlos.de .Hier steht alles, was gratis zu bekommen ist: von Produktproben bis zur täglichen Horoskop-Lieferung in die Mail-Box.Vielleicht kann man sich den Astrologie-Kurs einfach sparen?

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