Zeitung Heute : "Opa" Zagalo macht Ernst

MARTIN HÄGELE

NANTES .Am Ende mußte sogar der Dolmetscher lachen, noch bevor ihm Zagalo verbot, weiter ins Englische, Französische oder Spanische zu übersetzen, wie er auf portugiesisch mit den Reportern aus Brasilien umsprang.Wenn solch ein kleiner älterer Herr, der gemeinhin als Gentleman gilt, auf einmal richtig laut wird, dann möchte jedermann mithören.Der Temperamentsausbruch des 66jährigen hat die Außenstehenden mehr überrascht als dessen Landsleute."Wieso tut ihr plötzlich so überrascht? Für mich war es kein Wunder, daß unsere Mannschaft von Spiel zu Spiel stärker wird.Ich habe euch das doch schon vor Wochen angekündigt".

Der Titelverteidiger befindet sich exakt im Zeitplan.Das haben weniger die drei Tore gegen Marokko als vielmehr die Umstände des zweiten Gruppenspiels gezeigt.Die "Selecao" hat ihre Konturen gefunden.Und dieses Bild paßt nicht mehr zu den Geschichten, die in den vergangenen Tagen aus dem Schloß von Lesigny hinausposaunt wurden.Jene Stories, wonach sich die eifersüchtigen Stars selbst zerfleischen würden.Genau das Gegenteil demonstrierten sie nun.Nach Ronaldos erstem Treffer wollte der "Fußballgott fürs kommende Jahrzehnt", wie ihn "Le Monde" beschrieb, seine irdische Freude über das Führungtor mit den Ersatzspielern teilen.Spontan lag er sich vor der Trainerbank mit Denilson im Arm, dem teuersten Spieler der Welt, der vor kurzem noch so zitiert wurde: "Ich will Weltmeister werden und danach Ronaldo vom Thron stürzen."

Zum Leidwesen von Ronaldo und Zagalo hält sich weit mehr als die Hälfte der 150 Millionen Brasilianer für mindestens ebenso kompetent wie der alte Cheftrainer.Und weil die 250 Mann starke Handy-Armee jeden Wortfetzen, den sie aufschnappt, gleich aufbläst zur Schlagzeile über den nächsten Krach, entsteht in Brasilien bei WM-Turnieren stets eine fast apokalyptische Stimmung.

"Wenn ich nicht Weltmeister werde, zünden sie mir daheim das Haus an", hat Carlos Alberto Parreira 1994 in Amerika erklärt.Parreira hat sich damals ähnlich böse Ohrfeigen abgeholt in den Blättern von Rio, Sao Paulo und Brasilia wie jetzt Mario Zagalo.Doch hinterher, bei der Analyse der vierten WM-Trophäe, fühlten sich alle bestätigt, daß die fußballverrückteste Nation der Welt nur deshalb nach 24 Jahren Warten wieder feiern konnte, weil die 94er Weltmeister auf Disziplin gesetzt hatten.

Der Technische Direktor Zagalo hat seinerzeit den Stil im Hintergrund mitgeprägt, Carlos Dunga hat auf dem Rasen aufgepaßt, daß keiner ausgeschert ist.Heute besitzt der Kapitän noch mehr Kompetenzen, und er macht davon Gebrauch.Was er unter Disziplin versteht, hat der kleine Capo dem Kollegen Bebeto ins Gesicht geschrien.Wäre Leonardo nicht dazwischen gesprungen, Dunga hätte den Kollegen wohl mit einer Ohrfeige bestraft.

Was wie die Fortsetzung der Streithanseln-Serie aussah, hatte andere Gründe.Dunga hatte Bebeto aus Verantwortung für die Mannschaft abgemahnt.Wegen dessen Nachlässigkeit war Marokko zur ersten Torchance gekommen - und Cesar Sempaio hatte sich beim Rettungsversuch eine Gelbe Karte eingehandelt.Seine zweite, und deshalb muß Zagalo umbauen.Doriva durfte sich auf die Norwegen-Partie einstimmen."Diese Einwechslung war taktisch bestimmt", so Zagalo, "die beiden anderen durften spielen, weil ich sie glücklich machen wollte".

Hinter den freundlichen Gesten des vermeintlichen Opas verbergen sich gezielte pädagogische Maßnahmen.

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