Zeitung Heute : Oper bleibt Oper

JÖRG KÖNIGSDORF

Berliner Liederabend: Placido Domingo kam, sah und sangHut ab vor dem Tenor, der es nach mehr als einem Vierteljahrhundert in Wagner- und Verdirollen noch wagt, sich der undankbaren Aufgabe eines Liederabendes zu stellen.Denn hier kaschiert nichts die Gebrauchsspuren, die der alltägliche Stimmkampf gegen die Orchester fast unausweichlich hinterläßt, wird jede technische Unsauberkeit offenbar.Placido Domingo meistert die Herausforderung in der Staatsoper auf kluge Weise, testet das ungewohnte Terrain mit einem Halbdutzend Verdi-Romanzen erst einmal an. Die fordern keine exponierte Höhe und kein stilistisches Umschalten von den Bühnenrollen, lassen sich in Domingos emphatisch aufgeladener Interpretation problemlos in einen Troubadour oder eine Forza einfügen.Doch schon hier wird zweierlei offenbar: Zum Einen, daß Domingos Stimme noch immer erstaunlich gut funktioniert, ihm immer noch für geschmeidig an- und abschwellende Melodieführungen zu Gebot steht.Zum Anderen jedoch auch, daß die Größe dieser Heldentenorstimme der intimen Feinzeichnung, die der Liedgesng fordert, oft im Wege steht. Versucht Domingo, echte pianissimo-Wirkungen zu erzielen, wie in Verdis italianisierter Version des Goetheschen "Gretchen am Spinnrade", klingt das fahl und glanzlos, ist wie abgekoppelt vom Rest.Sobald er ein wenig mehr steigern möchte, springt die Stimme sofort auf einen hohen Lautstärkepegel und funktioniert von dort aufwärts tadellos.So bleibt bei diesem Liederabend letztlich alles Oper, Liszts Petrarca-Sonette sind keine melancholischen Schmachtereien einer einsamen Dichterseele, sondern großangelegte Bekenntnisse, die in strahlenden Spitzentönen münden. Für solch einen massenbegeisternden Vollblutgesang eignen sich die grazilen Canzonen des Francesco Paolo Tosti denkbar schlecht.Hier ist ein Belcanto-Stilist, ein Carlo Bergonzi oder Alfredo Kraus gefordert, der mit biegsam schlanker Stimmführung den pastellhaften Charme dieser Miniaturen zur Geltung bringt.Hier trägt Domingo zu dick auf, wenn etwa das Mädchen Ninon schelmisch-galant ermahnt wird, ihre Jugend nicht ohne Liebe verstreichen zu lassen, macht der Spanier ein schluchzendes Drama um Leben und Tod daraus. Probleme, die sich im spanischen Schlußteil nicht stellen.Vor allem die folkloristischen Nummern Moreno Torrobas mit ihren ausgedehnten Träller-Vokalisen laden unverhohlen zum Schmettern ein und bringen das Publikum zum Rasen, das Domingo und seinen Begleiter Barenboim mit Blumensträußen und Blitzlichtgewittern überhäuft.Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß Barenboim das Programm mit zwei Solonummern unterteilte.Die fehlerstrotzende Wiedergabe von Liszts "Rigoletto"-Paraphrase hinterließ jedoch nur den Wunsch, statt des überbeschäftigten Maestro hätte sich doch besser Luxus-Umblätterer Radu Lupu ans Klavier gesetzt.JÖRG KÖNIGSDORF

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