Zeitung Heute : Operation durchs Schlüsselloch

Eine Berliner Spezialklinik konzentriert sich ausschließlich auf die schonende minimalinvasive Chirurgie und hat damit Erfolg. Die Klinikchefin hofft auf mehr Konkurrenz

Ingo Bach

Der Operationssaal ist in ein sattes Grün getaucht, denn das strengt die Augen weniger an. Etwas ruppig schüttelt Bernd Bojahr den aufgeblähten Unterbauch der narkotisierten Patientin. Der Gynäkologe muss zwischen den Gedärmen den Weg frei machen für seine Instrumente, um an das Übel heranzukommen. Die Frau leidet an gutartigen Tumoren der Gebärmutter, die ihr Schmerzen bereiten. Deshalb muss das Organ entfernt werden. Wäre dies eine normale Operation, dann hätte Bojahr den Unterbauch der Patientin mit einem langen Schnitt geöffnet und die etwa faustgroße Gebärmutter herausgeholt. Doch das hier ist keine normale OP, sondern eine durchs Schlüsselloch. Genau genommen sind es drei Schlüssellöcher: drei einen Zentimeter kleine Schnitte, durch die der Operateur winzige Scheren, Zangen und Messer in den Körper führt, die an der Spitze metallener Stäbchen sitzen. Auf dem selben Wege gelangen Glasfaserkabel für die Beleuchtung und die Bildübertragung ins Innere. Denn der Operateur sieht das, was er da macht, nur auf den Flachbildschirmen, die über dem OP-Tisch hängen.

Auch der Blähbauch dient der Manövrierfreiheit: mit Kohlendioxid wird er aufgepumpt, damit der Chirurg ein freies Schnittfeld hat. Er trennt die Gebärmutter vom Körper, gleichzeitig werden die durchtrennten Blutgefäße mit heißen Zangen „verkocht“, so dass fast kein Blutverlust auftritt. Auch das ein Unterschied zur Standard-OP: Blutkonserven sind fast überflüssig.

Experten schwärmen von der Schlüsselloch-OP, auch minimalinvasive Chirurgie genannt. Der Patient hat weniger Schmerzen, wird schneller gesund und sieht später nur kleine Narben. Vorteile, die sich doch vermarkten lassen müssten, sagten sich vor zehn Jahren Ingeborg Schwenger-Holst, die damals als Chirurgin am Krankenhaus Moabit arbeitete, und ihre Partner Omid Habri und Felix Brandi. Die Idee einer Spezialklinik ausschließlich für minimalinvasive Chirurgie war geboren. 1997 öffnete die „Klinik für MIC“ (MIC) im noblen Zehlendorf erstmals seinen anfangs 20 (heute 34) Betten – als Untermieter beim evangelischen Hubertus-Krankenhaus. Teure Investitionen waren dafür nötig, und das ganz ohne öffentliche Förderung. Während der Besteckkasten für eine Normal-OP schon für 15 000 Euro zu haben ist, kostet das Instrumentarium für den Eingriff durchs Schlüsselloch bis zum 25-fachen. Und trotzdem schaut Schwenger-Holst, heute die General Managerin der Klinik, optimistisch in die Zukunft, und ist damit fast ein Unikum unter den Berliner Krankenhaus-Managern.

Die Kliniken stehen unter einem enormen Kostendruck. Die Kassen feilschen um jeden Cent, den sie für die Behandlung der Kranken bezahlen sollen. Manche Krankenhäuser sehen sich schon außerstande, notwendige Investitionen zu tätigen und rechnen mit einer Entlassungswelle. Und dieser Druck wird noch zunehmen, wenn ab 2004 die Fallpauschalen gelten, das heißt, die Behandlung nicht mehr nach Liegetagen abgerechnet wird sondern nach der Art der behandelten Krankheit. Eine Behandlung, ein Preis lautet dann die Devise. Effiziente Kliniken mit geringeren Fixkosten werden die Gewinner sein, die unwirtschaftlichen, teuren Häuser die Verlierer. MIC-Chefin Schwenger-Holst ist sich sicher, dass ihr Unternehmen auf der Siegerseite sein wird. „Wenn der Wettbewerb kommt, dann sind wir gut aufgestellt. Wir sind schon jetzt je nach Behandlung zwischen zehn und 30 Prozent günstiger als andere.“ Und das liegt nicht nur an der schnellen Genesung der Patienten, sondern auch an der effizienten, betriebswirtschaftlichen Organisation der Klinik. Der OP-Saal mit der teuren Technik beispielsweise wird zentral verwaltet und nach Bedarf an die OP-Teams vergeben. Täglich wird hier zwischen zwölf und vierzehn Stunden lang operiert, viele Hospitäler schaffen gerade mal eine Acht-Stunden-Auslastung.

Für eine günstige Auslastungsquote braucht es viele Patienten, die von den Vorteilen dieser Form der Chirurgie überzeugt sind. Deshalb wünscht sich Schwenger-Holst etwas, das viele Klinikmanager und Ärzte derzeit eher fürchten: öffentliche Informationen über die Arbeit eines Klinikums, zum Beispiel Komplikationsraten, Heilungsquoten und OP-Erfahrungen, damit der Patient mündig entscheiden kann, wem er seine Gesundheit anvertrauen will. Und dann werde die MIC zur Ersten Wahl gehören, sagt die Klinik-Managerin. Von Anfang an habe man sich am Kunden, sprich Patienten, orientiert. Denn das Hospital musste sich in einem bereits aufgeteilten Markt behaupten. Und die Gründer der MIC reagierten, wie Unternehmer eben reagieren: Sie versuchen, den Konkurrenten Kunden abzunehmen. „Zufriedene Patienten empfehlen einen weiter“, weiß Schwenger-Holst. Deshalb werden sie in der MIC verwöhnt. Beim Essen zum Beispiel. „Wir geben doppelt soviel für die Verpflegung aus, wie der Krankenhausdurchschnitt.“

Die Patienten mit gutem Service zu locken, ist das eine. Diejenigen zu überzeugen, die die Kranken ins Hospital einweisen, das andere. Denn Ärzte begegnen neuen Behandlungsmethoden meist mit vorsichtiger Skepsis. Und so mussten (und müssen) die MIC-Gründer immer wieder von die Vorteilen der Schlüsselloch-Chirurgie reden. Zum Beispiel: Im Schnitt müssen die Patienten nur 1,7 Tage auf der Station bleiben, die Gesamtberliner Quote liegt bei 10,2 Tagen.

Kritiker erklären sich diesen Erfolg mit dem Zustand der Patienten, die die MIC behandelt. Die Klinik hat keine eigene Rettungsstation, dass heißt, nur die Patienten, die noch gehfähig sind und sich selbst vorstellen können, werden behandelt. „Mit diesen vergleichsweise leichten Fällen verdient die MIC gutes Geld“, sagt Ulrich Kleine, Klinikdirektor am Vivantes-Krankenhaus Prenzlauer Berg und Berliner Vorreiter in Sachen Schlüsselloch-Operation. „Die großen Krankenhäuser, die ebenfalls ihre Abteilungen für minimalinvasive Chirurgie haben – und das sind allein in Berlin rund zehn –, müssen dagegen auch schwierige Notfälle behandeln.“

Inzwischen läuft das Geschäft in der MIC so gut, dass Schwenger-Holst einen zweiten OP-Saal plant. Statt der jetzt 2300 Eingriffe pro Jahr sollen dann 2900 möglich sein. Doch die Krankenkassen zieren sich, denn sie sparen nichts, wenn die Patienten von anderen Krankenhäusern ins MIC abwandern. Im Gegenteil: Sie müssten den MIC-Konkurrenten den Erlösausfall ersetzen. Richtiger Wettbewerb auf dem Gesundheitsmarkt ist in Deutschland noch in weiter Ferne.

Klinik für Minimalinvasive Chirurgie am Evangelischen Krankenhaus Hubertus, Kurstraße 11 (Zehlendorf). Telefon: 809 88 155. Im Internet: www.mic-berlin.de

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben