Zeitung Heute : Operationssaal, bitte warten!

„Die geben nicht nach“, sagt der Direktor der Tübinger Uniklinik. Elf Wochen streiken die Ärzte – und die Patienten üben Solidarität

Martin Bernklau[Tübingen]

Es ist ruhig auf den Fluren des Tübinger Universitätsklinikums. Wo sonst die Sitzplätze knapp werden, warten nur in paar Patienten. „Mein Termin ist um vier Tage verschoben worden“, sagt eine ältere Frau vor der Strahlen-Ambulanz. Sie nimmt das klaglos hin. „Ich verstehe die Ärzte.“ Peinlich genau achten die seit Wochen streikenden Mediziner darauf, dass die Notversorgung der Patienten gesichert ist.

„Sauer bin ich nicht”, sagt der 62-Jährige. Er hat eine komplizierte Kombi-Operation hinter sich, an der neben der Herz-Thorax-Chirurgie auch die Urologen beteiligt waren. Zwei Tage zusätzlicher Wartezeit musste er hinnehmen. „Ich habe bisher auch niemand anderen getroffen, der sauer wäre. Die machen das schon richtig hier.“

Elf Wochen dauert der Ärztestreik nun schon an. Und trotz der Einigung zwischen der Tarifkommission der Länder (TdL) und der Gewerkschaft Verdi legen die Mediziner noch einmal nach. An 40 Kliniken hat der Marburger Bund für diese Woche zu einem „Vollstreik“ aufgerufen. Rund 800 angestellte Ärzte sind in der Universitätsstadt am Neckar im Ausstand. Nur eine verschwindend kleine Minderheit von ihnen setzt auf die Gewerkschaft: „Wir fühlen uns hintergangen“, sagt Martin Weinmann, Sprecher der Assistenzärzte, über den in Potsdam ausgehandelten Tarifvertrag.

Längst geht es nicht mehr nur um die Details von Besoldung und Arbeitszeit. Es geht darum, den Marburger Bund als legitime Vertretung zu etablieren. „Der Streik soll da die Trendwende sein“, betont der 40-jährige Strahlenmediziner. Als der Kompromiss letzte Woche auf einer Vollversammlung der Tübinger Streikenden vorgestellt wurde, lehnten ihn die rund 250 anwesenden Ärzte einstimmig ab. „Niemand sollte die Bereitschaft der jungen Ärzte unterschätzen“, warnt inzwischen der Ärztliche Direktor des Tübinger Uniklinikums, Michael Bamberg. „Die werden nicht nachgeben.“

An seinen Kliniken hat man sich inzwischen mit dem Ausstand arrangiert. Allmorgendlich tagt eine Kommission, der neben Professoren aller Kliniken auch zwei Vertreter der Streikenden angehören. Sie entscheidet darüber, welche Operationen als dringlich gelten und welche vertagt werden können. So soll auch verhindert werden, dass bereits einbestellte Patienten wieder nach Hause geschickt werden müssen. „Das wird sehr gut und sehr verantwortlich gemacht“, lobt der Klinikchef. Zwar kann so von einem medizinischen Notstand keine Rede sein, doch Bamberg plagen andere Sorgen: „Die Zahl der Operationen ist auf etwa die Hälfte gesunken. Das können wir bis zum Jahresende nie wieder reinholen.“ Auf 6,5 Millionen Euro beziffert er das seit Streikbeginn aufgelaufene Defizit an den Tübinger Kliniken.

Zusehends zornig wird deshalb auch der Kaufmännische Direktor des Tübinger Klinikums, Rüdiger Strehl. Gemeinsam mit Michael Bamberg hat er vor Wochen schon versucht, die baden-württembergische Landesregierung zu einem Separat-Abschluss für die vier Uni-Kliniken des Landes zu bewegen. Doch noch wollen Ministerpräsident Günther Oettinger und sein Finanzminister Gerhard Stratthaus nicht aus der Länder-Front ausscheren. „Es ist verdammt noch mal die Pflicht der Politik, jetzt eine Lösung zu finden“, sagt Bamberg, „der Streik muss beendet werden, sonst werden alle dauerhaft Schaden leiden.“

Auch bei den Streikenden selber wächst der Frust. Manche der Ärzte spüren die Gehaltseinbußen inzwischen schmerzhaft. Eine Streikkasse hat der Marburger Bund nicht. „Das schlägt allerdings bei uns in Trotz und Jetzt-erst-recht um”, sagt Assistenten-Sprecher Weinmann. „Die Leute wissen, dass sie keine andere Chance haben, als das jetzt durchzuziehen.” Ein Solidaritätskonto haben die Tübinger eingerichtet, auf das die beamteten Kollegen bis hin zu Ordinarien recht großzügig Spenden überweisen. Aber das ist trotzdem eher symbolisch. Mit den „paar tausend Euro“, so der Streik-Sprecher, „können wir allenfalls in ein paar Härtefällen aushelfen“.

Dennoch wollen die Tübinger unverdrossen weitermachen. Für diese Woche ist eine „Tour de Streik“ nach Stuttgart geplant. Auf Fahrrädern wollen die Mediziner eine Fülle von Solidaritätsbekundungen – von Patienten und Kollegen – vor das Staatsministerium tragen und übergeben. Unter dem Titel „Der lange Atem“ soll es danach eine 24-Stunden-Dauervorlesung zu medizinischen Themen nicht nur rund um den Streik geben.

Neben der Teilnahme an den zentralen Protesten des Marburger Bundes haben die Tübinger Klinikärzte seit Streikbeginn mit einer ganzen Fülle origineller Aktionen um Verständnis geworben. Zwar haben Trillerpfeifen, Trommeln und Tröten noch nicht ganz ausgedient auf den Demos, doch ließ man sich in der Unistadt noch etwas mehr einfallen. Gleich zu Beginn des Ausstandes stürzten sich rund 40 Mediziner vor der schmucken Kulisse des ehrwürdigen Hölderlin-Turmes in die noch eisigen Wasser des Neckar: „Wir gehen für Sie baden!“ stand auf den Transparenten.

Unter dem Slogan „Wir laufen uns für Sie die Hacken ab!“ wurde zwei Wochen später im Alten Botanischen Garten ein 24-Stunden-Staffellauf organisiert. Als Nächstes pilgerten die Streikenden nächtens mit Fackeln zum Österberg, dem Tübinger Haushügel, um dort den Äskulapstab und das Wort „Streik“ als weithin sichtbares Flammenzeichen zu setzen. „Die TdL stochert im Trüben. Wir stochern dagegen“ hieß es dann bei einer gut besuchten Bootspartie mit den traditionellen Tübinger Stocherkähnen vor dem pittoresken Postkartenmotiv der Neckarfront.

Die publikumswirksamen Aktionen haben ihr Ziel in Tübingen erreicht. Dass die Bezahlung unangemessen und die unvergüteten Überstunden ein Skandal sind, ist hier inzwischen so etwas wie Konsens. Dass sich an den Arbeitsbedingungen etwas zum Besseren ändern muss, sehen auch die allermeisten Patienten ein. „Die haben schon irgendwie beide Recht”, sagt ein Rentner, der zum vereinbarten Wundversorgungstermin in der Chirurgie angereist ist. „Der Staat hat kein Geld, und die Ärzte kriegen zu wenig Geld.“ Die Patienten sind nicht organisiert und haben keine Lobby. Entsprechend leise fiel der Protest aus: ein paar lokale Leserbriefe, ein Protestschreiben der Psychiatrie-Patienten gegen die eingeschränkte Betreuung – das war’s.

Wie lange der Bonus jedoch noch anhalten wird, ist ungewiss, zumal der Zweck des Streiks nach der Einigung zwischen Verdi und den Ländern zusehends schwerer zu vermitteln ist. „Die Patienten haben bisher ganz überwiegend Verständnis gehabt“ , sagt Assistentensprecher Weinmann. „Aber sie leiden natürlich zunehmend. Dass eine verschobene OP ärgerlich ist, sehen wir auch.“

Sein oberster Chef fürchtet bei aller Sympathie für den Streik einen stillen Protest: „Die Solidarität der Patienten ist schon da bisher, da spürt man eine erstaunlich hohe Akzeptanz“, so Michael Bamberg. „Doch irgendwann haben die Leute die Schnauze voll, und dann gibt es Patientenströme anderswohin, die wir nicht wollen“, sagt der Klinikdirektor. „Schließlich halten wir ja hier die Ressourcen vor.“ Andererseits will er auch keine Abwanderung seiner jungen Ärzte: „Das ist unser Nachwuchs. Den wollen wir auch behalten – unter zumutbaren Bedingungen.“

Noch fühlen sich die streikenden Mediziner in Tübingen nicht nur vom breiten öffentlichen Verständnis getragen, sondern auch von der Sympathie ihrer Kollegen. Vor einigen Tagen blieben zahlreiche Praxen niedergelassener Ärzte geschlossen. Die protestierten damit nicht nur in eigener Sache, sondern auch ausdrücklich aus Solidarität. Auch deshalb gehen sie „absolut entschlossen“, so der Sprecher der Tübinger Assistenten, in die neue Streikwoche.

Manchmal richtet sich diese Entschlossenheit auch an unentschlossene Kollegen. In der Frauenklinik verlangte neulich nächtens eine Privatpatientin nach einer schmerzstillenden Peridural-Anästhesie. Der Notdienst habende Assistenzarzt tat, auf was sie Anspruch hat: Anstatt die Kanüle wie üblich sofort selber zu legen, klingelte er den Oberarzt aus dem Bett, der bis dato nicht als Streik-Unterstützer hervorgetreten war. Mit einer halben Stunde Verspätung ließ der Schmerz nach.

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