Zeitung Heute : Opernchef aufs Altenteil?

ULRICH ROLOFF-MOMIN

"Zuletzt: Kultur" (3.Folge): der Fall Götz FriedrichVON ULRICH ROLOFF-MOMIN Mit einer Rückschau auf seine Amtszeit streift der ehemalige Berliner Kultursenator Ulrich Roloff-Momin in seinem Buch "Zuletzt: Kultur", das am 23.Oktober im Aufbau-Verlag erscheint, alle wichtigen Punkte der Berliner Kulturpolitik.Bisher erschienen im Tagesspiegel als Vorabdruck "Die Schließung des Schiller-Theaters" (8.Oktober) sowie "Das Jüdische Museum" (10.Oktober). Nachdem Barenboim an der Staatsoper seine Arbeit aufgenommen hatte, liebäugelte ich mit der Idee, einen zweiten großen, weltbekannten Dirigenten nach Berlin, an die Deutsche Oper zu holen.Es sollte ein kreatives Spannungsfeld zwischen dem Berliner Philharmonischen Orchester mit Claudio Abbado, der Staatsoper mit Daniel Barenboim und der Bühne in der Bismarckstraße entstehen.Ich führte Gespräche mit und über Zubin Mehta.Er war mein Wunschkandidat, es war mein Traum, eben diese drei Dirigenten, die zu den großen acht der Welt zählen, in Berlin zu haben.Doch Mehta sagte ab.Wenn schon Mehta nicht wollte, sollte es ein junger Musiker sein, einer, der noch nicht ganz und gar etabliert war.Simon Rattle hatte man zwar gerade in Birmingham sein eigenes Konzerthaus gebaut, aber er schien mir der Richtige für Berlin zu sein.Aber Kultursenatoren können keine Generalmusikdirektoren gegen den Willen der Intendanten berufen.(...) Götz Friedrich ist seit Ende der siebziger Jahre der Intendant der Deutschen Oper.In dieser langen Zeit hat er unzweifelhaft wichtige Inszenierungen abgeliefert, mit den Jahren jedoch ließ seine Innovationskraft deutlich nach.Als ich 1991 ins Amt kam, schritt er rüstig auf das Pensionsalter zu.Außerdem saß er auch auf dem Chefsessel des Theaters des Westens.Die renommierte Musicalbühne an der Kantstraße litt unter permanenten Schwierigkeiten, mit ihrem Etat auszukommen, 20 Millionen Mark schienen zu wenig.Ivan Nagel hielt in seinem Gutachten 23 Millionen für angemessen.Unter größten Schwierigkeiten setzte ich diese Etataufstokkung im Senat, aber vor allem im Hauptausschuß durch.Gleichzeitig schwebte mir vor, einen Intendanten am Theater des Westens zu haben, der mit diesem Geld so kreativ wie möglich umgehen konnte.Es gab nur einen Kandidaten: Helmut Baumann.Er zeichnete bisher schon für die erfolgreichen Inszenierungen verantwortlich und sollte nach meinem Willen nun auch wirtschaftliche Autonomie erhalten.War es schon schwer, Götz Friedrich beizubringen, daß er das Theater des Westens abgeben müsse, so erwies es sich als unmöglich, ihn endgültig aufs Altenteil zu befördern.Gerade jetzt, wo die drei Opernhäuser der Stadt miteinander konkurrierten, war eine Profilierung der einzelnen Häuser unumgänglich.Vor allem zwischen den Angeboten der Staatsoper und der Deutschen Oper aber gab es kaum Unterschiede.Friedrich schien permanent gekränkt, weil er nun plötzlich nicht mehr als Platzhirsch im Opernbetrieb auftreten konnte.An einer Reform zeigte er kein Interesse.Ein neuer Intendant? Ein neuer Generalmusikdirektor? Vielleicht eine Intendantin? Nachdem ich Eva Wagner-Pasquier bei den Staatsoper-Verhandlungen kennengelernt hatte, liebäugelte ich mit dem Gedanken, sie als Nachfolgerin von Götz Friedrich zu berufen.Leider schien sie nun aus familiären Gründen nicht bereit, nach Berlin zu kommen.Zweiter Kandidat war der Intendant der Salzburger Festspiele, Gérard Mortier.Der hatte zwar gerade sein Amt an der Salzach angetreten, aber es galt ja auch, Jahre im voraus zu planen.Ein Gespräch mit Mortier ergab, daß er auf längere Sicht nicht abgeneigt war, Intendant in Berlin zu werden.Er entwickelte erste Vorstellungen zum Opernbetrieb an der Bismarckstraße, die eine deutliche Profilierung gegenüber der Staatsoper zur Folge haben mußten, sowohl was Spielplangestaltung als auch die Organisation des Hauses anging.Ich wollte Mortier, also mußten die Voraussetzungen dafür geschaffen werden.Ich mußte Götz Friedrich dazu bringen, 1999 aus dem Amt zu scheiden.Später würde der Wechsel nach Berlin für Mortier nicht mehr attraktiv sein, ein früherer Termin kam wegen seiner Salzburger Verpflichtungen nicht in Frage. Spätestens dieser Versuch, an der Deutschen Oper für frischen Wind zu sorgen, trug mir auf dem Fuße den Ruf ein, Friedrich nicht zu mögen.Den Regierenden Bürgermeister hatte ich schon 1991 über mein Vorhaben informiert.Diepgen trug keine Einwände vor, bemerkte nur in alter Politikermanier: "Dann müssen wir ihm etwas anbieten." Ich schlug vor, Götz Friedrich ein Berliner Opernstudio aufbauen zu lassen.Diese Pläne hegte er, seit er in die Stadt gekommen war. Der 65.Geburtstag Götz Friedrichs stand an.Die Deutsche Oper richtete ihm nachträglich eine große Feier aus.Lobeshymnen ergossen sich über den Jubilar.Diepgen lobte Friedrich so sehr über den grünen Klee, daß dessen Anwalt Knauthe, dem gegenüber ich das Ausscheiden Friedrichs zum 31.Juli 1999 bereits durchgesetzt hatte und der an meinem Tisch saß, sofort sagte: "Nach diesen Äußerungen ist es doch wohl selbstverständlich, daß der Vertrag nun bis ins Jahr 2001 verlängert wird." (...) In meiner Amtszeit konnte ich den Wechsel an der Deutschen Oper nicht mehr perfekt machen.Friedrichs Vertrag ist, wie er es immer wollte, über das Jahr 2000 hinaus verlängert worden.Die Erarbeitung eines unverwechselbaren Profils der Deutschen Oper gegenüber der Staatsoper muß weiter warten. Musikalisch wird sich das Haus vielleicht früher profilieren.Nach der mißglückten Verpflichtung von Giuseppe Sinopoli als Generalmusikdirektor suchte Götz Friedrich verzweifelt nach einem neuen Kandidaten.Schließlich, nach langen Monaten der Erfolglosigkeit, fand er ihn in Rafael Frühbeck de Burgos.Frühbeck de Burgos war nicht abgeneigt, schließlich hatte er in Berlin schon einen mehr als lukrativen Posten, nämlich den des Chefdirigenten des alten DDR-Radiosymphonieorchesters.Da konnte es sicher nicht schaden, weitere Pfründe zu sichern. Als mir Friedrich von seinem Kandidaten erzählte, machte ich sofort Bedenken geltend: Ein neuer Mann oder eine neue Frau sei erforderlich und nicht jemand, der schon in der Stadt wirke.Ich konnte mich nicht durchsetzen, der Intendant hatte das Recht, den Generalmusikdirektor vorzuschlagen, und Friedrich ließ sich nicht beirren.Frühbeck de Burgos wurde ernannt und war beim Publikum bald gnadenlos durchgefallen.Friedrich mußte sich, wollte er gegenüber der Staatsoper bestehen, nach einem neuen Kandidaten umsehen.Er fand ihn in Christian Thielemann, ehemaliger Assistent von Barenboim und seither auf der Karriereleiter nach oben unterwegs.Kaum war durchgedrungen, daß Thielemann das Orchester der Deutschen Oper übernehmen sollte, erschienen in der ernstzunehmenden Presse Artikel, die ihn der rechtsextremen Gesinnung verdächtigten.Ich war alarmiert.(...)Ich wollte Thielemann selbst zu der Sache hören.Nach dem einstündigen Gespräch war ich so schlau wie zuvor.Thielemann hatte alle Vorwürfe eloquent zurückgewiesen.Dennoch beschlich mich ein schales Gefühl, als er mein Amtszimmer verlassen hatte.Vom musikalischen Können erschien mir Thielemann, auch nachdem ich exzellente Kenner zu Rate gezogen hatte, als ein geeigneter Kandidat.Über seine Geisteshaltung wußte ich nichts "Gerichtsverwertbares", um einen Begriff aus der Zeit des Radikalenerlasses zu zitieren.Meine Skrupel waren haushoch und abgrundtief, dennoch konnte ich meine Zustimmung zur Ernennung von Thielemann nicht verweigern.Er hat sein Amt am 1.August 1997 angetreten. Nächste Folge: "Ausgebootet"

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