Zeitung Heute : Opium des Volks

HELLMUTH KARASEK

Der Staat darf Menschen nicht mit Gewalt selig machen wollen, indem er sie unseligen Sekten entreißt VON HELLMUTH KARASEK

Nun hat es uns also erwischt.In dem offiziellen Menschenrechtsbericht der US-Regierung wird Deutschland unter die Menschenrechtsverletzer eingereiht: wegen der Diskriminierung, der sich Mitglieder der scientologischen Sekte in der Bundesrepublik ausgesetzt sähen.Nicht eine Handvoll Hollywoodstars, überdrehtes Künstlervölkchen also, mit durchsichtigen Scientologie-Interessen zumal, fühlen sich durch das deutsche Vorgehen an die Nazijahre erinnert, das ginge ja noch, und ist dem derart angeschriebenen Kanzler keine Antwort wert.Nein, das offizielle Amerika hat uns eine Rüge auf dem Gebiet erteilt, auf dem wir, mit guten Gründen, am empfindlichsten sind oder sein sollten.Amerikas Regierung hat uns sozusagen in eine Reihe mit Staaten gestellt wie etwa die Türkei oder gar den Iran. Das schmerzt, das verletzt, und es gibt eine Reihe denkbarer Reaktionen.Zum Beispiel die der Verschwörung: so mächtig sei die Sekte also, daß sie nicht nur Hollywood, sondern auch Washington in der Hand habe.Wir könnten auch den Unverstandenen spielen: die im Wilden Westen, die begriffen Europa und erst recht Deutschland einfach nicht.Oder den Musterschüler: haben wir uns nicht geradezu beispielhaft in 50 Jahren zur Rechtsstaatlichkeit erst umerziehen lassen und dann selbst erzogen? Und üben wir uns nicht gerade im Augenblick in laut praktizierter offizieller Zerknirschung über unsere Vergangenheit - eine Zerknirschung, die allerdings auch etwas leicht Fatales hat, so als wollten wir Deutschen uns auch im Schuldigfühlen von niemandem übertreffen lassen? Alle diese Reaktionen wären nicht ganz falsch, aber ziemlich fehl am Platze.So wie es verfehlt erscheint, weiter trotzig staatliche Härte gegen die Scientology anzukündigen.Es wäre gut, wenn wir überlegten, ob nicht in der Tat beispielsweise die Art bayerischer Behörden, den Berufsverbot-Knüppel gegen Sektenmitglieder zu schwingen, die im Rechtsstaat garantierte Glaubenfreiheit verletzt, nach der niemand wegen seines religiösen Bekenntnisses verfolgt werden dürfe. Nun herrscht hierzulande die begründete Meinung, Scientology sei keine normale Sekte, sondern mache auf aggressive, ja kriminelle Art Proselyten und unterwerfe ihre Anhänger einer Art abhängig machender Gehirnwäsche.Religion als geistige Droge? Opium des Volks? Man begibt sich hier auf ein rechtstaatlich gefährliches Terrain, wenn man solchen Urteilen und Vorurteilen von Staats wegen Taten folgen läßt.Der Staat darf Menschen nicht mit Gewalt selig machen wollen, indem er sie unseligen Sekten entreißt.Er hat die Pflicht, aufzuklären und den konkreten Rechtsbruch zu ahnden.Mehr nicht.Es ist das Recht des Einzelnen, sich religiös zu binden, auch religiös zu irren: zwischen Glauben und Irrglauben hat der Staat nicht zu richten.Noch dazu in einem Land, in dem die Zeugen Jehovas in die KZs wanderten und in der die angebliche Weltverschwörung der Freimaurer als eine der Begründungen für den Antisemitismus herhalten mußte. Erinnern wir uns, wie das offizielle Amerika darauf reagierte, daß Cassius Clay als Mohamed Ali einer gewiß gefährlichen, kriegerisch aggressiven Sekte beitrat.Das offizielle Amerika hat darauf überhaupt nicht reagiert.Zu Recht nicht.Erinnern wir uns weiter, wie in Deutschland mit einem Maler wie Helnwein umgesprungen wurde, von dem man manche Ausstellungen von Staats wegen verhinderte, weil er Scientologe sei. Es gibt eine aggressive Toleranz, die überall Verschwörungen wittert.Wir sollten uns von ihr freimachen.Wir dürfen über den US-Bericht gekränkt sein, aber wir sollten verstehen, wie es zu ihm kommen konnte.Ganz unschuldig sind wir nicht.Es gibt keinen allein selig machenden Staat.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben