Zeitung Heute : Optimist der Bildungspolitik

BORIS KEHRMANN

Gedenken an Leo Kestenberg bei der "musica reanimata"Als Politiker schaute ihn immer der Pädagoge über die Schulter, als Pädagoge immer der Politiker.Ungeachtet aller Enttäuschungen und Rückschläge hielt Leo Kestenberg zäh an seiner großen Lebensidee fest.Die Musik sollte die Menschen zu Menschlichkeit erziehen.Um den humanistischen Bildungsgedanken des Deutschen Idealismus gesamtgesellschaftlich in die Wirklichkeit umzusetzen, reformierte er zunächst seit 1918 als Referent für musikalische Angelegenheiten, dann als Ministerialrat vom Preußischen Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung aus das wildgewachsene, weitgehend private Musikerziehungswesen des Kaiserreichs und schuf das staatlich kontrollierte Bildungssystem, das noch heute Bestand hat. In seinem 23.Gesprächskonzert erinnerte der Förderverein zur Wiederentdeckung NS-verfolgter Komponisten und ihrer Werke "musica reanimata" im Musikclub des Schauspielhauses an keinen Komponisten, sondern an den vor allem in der Weimarer Republik folgenreich tätigen Busoni-Schüler und Pianisten, Musikpädagogen und Kulturpolitiker Leo Kestenberg.Durch seine einst umstrittenen Berufungen fällt einiger musikgeschichtlicher Glanz auf seinen Namen: er holte Schreker und Schönberg, Bloch und Hindemith nach Berlin, machte Curt Sachs zum Direktor der Musikinstrumenten-Sammlung und gründete die Kroll-Oper im Dienste der Arbeiterbildung. Daß seine Gründungen die Zwecke seiner utopischen Volkserziehungsideale nie einholten, die Verwahrlosung statt dessen nur immer weiter voranschritt, machte ihn auch seit 1933 im Prager, seit 1938 im Tel Aviver Exil an seiner Lebensaufgabe nicht irre.Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs beklagte er nicht den Verlust der eigenen Ideen, sondern die skeptische Generation, deren Glaube an die Kraft der Ideen gebrochen worden war.Wenn etwas aus der von Barbara von der Lühe recherchierten und ausgebreiteten Vita Leo Kestenbergs zu lernen wäre, dann dieses: daß auch veraltete Wahrheiten unter Umständen zu einer innovativen Kulturpolitik führen können.Und als hätte es dazu noch einer Bestätigung bedurft, umrahmte Gabriele Kupfernagel das Referat der Forschungsergebnisse, die im nächsten Jahr auch in Buchform veröffentlicht werden sollen, mit Ausschnitten aus dem Repertoire des Pianisten Leo Kestenberg.Mit Bach, Liszt und Busonis dem einstigen Schüler gewidmeten "Sieben Elegien" hätte es nicht bildungsbürgerlicher ausfallen können.BORIS KEHRMANN

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