Zeitung Heute : Ordnung für die Finanzen gesucht

HEIK AFHELDT

Die Anfälligkeit der japanischen Bubble-Ökonomie gegen zusätzliche wirtschaftliche Erdstöße in ihren wichtigsten Partnerländern ist auch nicht überraschend.Aber alles wirtschaftliche Ungemach im fernen Osten schien die boomende amerikanische und die stetig an Fahrt gewinnende deutsche Wirtschaft kaum zu tangieren.Dazu waren die Verflechtungen im Handel mit dem pazifischen Raum und die Gewichte der Investitionen dort zu gering.Dann kam die Rußlandkrise.Eine Krise anderer Art.Auch Rußland ist, für sich genommen, für die deutsche Wirtschaft eine "quantité négligable".Nicht einmal die Erdgaslieferungen sind lebenswichtig.Allerdings steht für die deutschen Banken ein Kreditvolumen von über 50 Milliarden DM auf dem Spiel.Gewiß viel Geld, aber kein unübersehbares Risiko.Und nun greifen erste Funken auf Lateinamerika über.Brasilien ruft nach Finanzhilfe, während bis zu 3 Milliarden US-Dollar an einem Tag aus Angst vor der Krise aus dem Land "fliehen".Ein Brand in Lateinamerika aber hat negative Wirkungen auf die amerikanische Konjunktur.Die Folge sind akute Schwächeanfälle des Dollar.Und unter denen werden wieder die deutschen Exporteure leiden.Was ist zu tun?

Erstmal müssen die Brände vor Ort gelöscht oder zumindest eingedämmt werden.In Rußland gelingt die vom Westen verordnete Doppelpackreform so offenbar nicht: Demokratische Verfassung mit parlamentarischen Spielregeln und eine konsequente Wirtschaftsreform.Die Einsichten bei der Mehrheit der Duma (und im Volk) sind andere als die des IWF.Wer im Westen Marktwirtschaft predigt, vergißt oft, welche unabdingbaren Voraussetzungen ihr Funktionieren erfordert: Ein ordentliches Rechtssystem, eine zuverlässige Verwaltung, ein funktionierendes Finanz- und Steuerwesen und eine überzeugende Geldpolitik.Für Rußland ist eine "gelenkte Marktwirtschaft" mit einer vorübergehenden Devisenbewirtschaftung und eingeschränktem Kapitalverkehr als Übergangsmodell der einzige Weg.Nur sagen mag es keiner.

Helmut Schmidt fordert mehr.Er will die spekulativen internationalen Finanzströme kontrollieren und zähmen.Die Botschaft hört man wohl....Das Ziel: Ein Wechselkurssystem, das die Kursausschläge reduziert.Eine Art GWS, ein "Globales Wechselkurs-System" nach dem Muster der Europäischen Währungsschlange EWS.Und das trotz der enttäuschenden Erfahrungen, als 1992 zum Beispiel Großbritannien das System verließ und kräftig abwertete.Keine Rückkehr zum Goldstandard also oder zu festen Wechselkursen, aber doch engere Korridore zwischen dem US-Dollar, dem Euro, dem Yen und weiteren wichtigen Währungen.Die Forderung nach einer neuen Weltwährungsordnung ist in den letzten Jahrzehnten immer wieder erhoben worden, ohne wirklich überzeugende Vorschläge.Ein Festzurren der Wechselkurse kann das Heil nicht bringen.Ist die Krise in Indonesien nicht deswegen so ausgeufert, weil die Bindung der Rupiah an den Dollar zu lange verteidigt und die reale Verschlechterung der Situation nicht in den Austauschkursen wiedergegeben wurde? Und wie können diese Wechselkurse gegen die Realitäten verteidigt und garantiert werden? Aber ein Abwertungswettlauf, wie er jetzt droht, kann auch in den Abgrund führen.Also eine einzige Weltwährung? Die Argumente, die gegen den Euro als Einheitswährung für ein relativ homogenes Europa laut wurden, würden bei der heterogenen Weltwirtschaft noch schwerer wiegen.

Deshalb braucht es andere Maßnahmen zur Eindämmung der Brände: Innovative Modelle zur Stabilisierung der globalen Finanzmärkte und glaubwürdige Stimmen, die jetzt erst einmal die übertriebenen Ängste stoppen.Taugliche Modelle zur Neuordnung der Weltfinanzen liegen nicht auf dem Tisch.Zur Zeit verstellt der Rauch die klare Sicht - und das birgt die Gefahr eines jähen Absturzes, bei der es unzählige, unnötige Opfer geben würde.In den Programmen der deutschen Parteien zur Bundestagswahl findet sich zu diesem lebenswichtigen Thema kaum ein Satz.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar