Zeitung Heute : Orwell läßt grüßen

Wim Wenders über Gewalt, Gesellschaft und (Kino-)GuerillaEr bekam den "Goldenen Löwen" von Venedig ("Der Stand der Dinge") und die "Goldene Palme" in Cannes ("Paris, Texas") - dort war er sieben Mal im Wettbewerb vertreten, in diesem Jahr mit "The End of Violence".An der US-Kinokasse erzielte Wim Wenders damit einen Achtungserfolg, heute startet der Film in Deutschland.Mit dem Regisseur sprach Dieter Oßwald. TAGESSPIEGEL: Ist das "Ende der Gewalt" der Anfang des politischen Wenders? WENDERS: Auf eine gewisse Art schon.Dabei ist das ein sehr offener Film mit einem vielschichtigen Thema.Jeder Regisseur weiß, wie verführerisch Gewalt im Kino sein kein.Gewalt ist aber immer weniger ein Thema, sondern wurde zu einer Sprache: zum Streusel auf dem Kuchen.Gewalt im Kino sollte anders behandelt werden.Was nicht bedeutet, daß keine Gewalt gezeigt werden darf.In einigen meiner Lieblingsfilme, zum Beispiel "Taxi Driver", gibt es drastische Szenen, Filme, aus denen ich schockiert, traurig oder wütend aus dem Kino komme. TAGESSPIEGEL: Wird das Kino gewalttätiger, weil auch die Gesellschaft gewalttätiger wird.Oder ist es umgekehrt? WENDERS: Filme waren lange Zeit ein Spiegel für die Gesellschaft.Inzwischen scheint es, daß dieser Spiegel mehr und mehr diktiert, was wir zu denken und zu tun haben.Die Bilder sind heute zu einer mächtigen Waffe geworden.Ich bin aber nicht verzweifelt, was die Gewalt angeht.Gewalt ist ein Phänomen der Menschheitsgeschichte.Also sollten auch Filme darüber nachdenken. TAGESSPIEGEL: Sie zeichnen Amerika als Überwachungsstaat.Wenders à la Orwell? WENDERS: Was das FBI in diesem Film tut, ist Fiktion.Ich glaube aber, daß es solche Projekte durchaus gibt.Daß viele Städte mit Videokameras überwacht werden.Und wenn die Satelliten gut genug sind, militärische Operationen so genau zu zeigen, daß man einzelne Menschen erkennt - warum sollte das nicht auch hier eingesetzt werden? TAGESSPIEGEL: Sie haben nach einer Pause wieder in Amerika gedreht.Was hat sich im Filmgeschäft verändert? WENDERS: In Amerika kann man heute Independent-Filme mit großer Freiheit drehen."Paris Texas" war dagegen Guerilla-Filmemachen.Oder "Der Stand der Dinge".Vor 20 Jahren gab es im US-Kino nur Studioproduktionen und hier den Autorenfilm.Die großen Studios machen heute immer teurere und deshalb weniger Filme - mit immergleichen Formeln: Die sind in einer völligen Sackgasse! Die Europäer machen dagegen Independent-Kino, das weltweit möglich ist.Das ist eine einzigartige Chance.Das bedeutet allerdings auch, daß man nun nach Allianzen zwischen europäischen, amerikanischen oder asiatischen Regisseuren suchen muß. TAGESSPIEGEL: Neuerdings boomt noch dazu der deutsche Film. WENDERS: Das ist ein völliges Wunder.Zeitweise ein Drittel Marktanteil: davon hätten wir nie zu träumen gewagt.Auf dieser ganzen Welle können sicher auch kleine Filme entstehen und ein Publikum finden - ein Publikum, das wir niemals hatten. TAGESSPIEGEL: Wie wichtig ist Ihnen selbst kommerzieller Erfolg? WENDERS: Ich habe nie verstanden, warum manche meiner Filme in Italien oder Japan sehr viel erfolgreicher waren als in Deutschland.Eigentlich laufen sie alle anderswo besser als hier.Bei "Paris, Texas" war ich mir sicher, daß sich dafür ein Publikum finden würde, weil wir schon beim Drehen von der Geschichte so begeistert waren.Beim "Himmel über Berlin" dachte ich: viel zu intim, den wird niemand anschauen.Und dann fand dieser Film mehr Zuschauer als "Paris, Texas".Das ist ein völliges Geheimnis für mich.Allerdings bin ich auch ganz glücklich, daß ich das nicht verstehe. TAGESSPIEGEL: Was halten Sie von Computeranimationen im Kino? WENDERS: Jeder Filmstudent kann am Computer digitale Effekte erzeugen, die vor zehn Jahren noch ein Vermögen gekostet hätten.Auf lange Sicht wird Filmemachen dadurch reichhaltiger.Wir werden Dinge zeigen können, die wir uns heute nicht einmal vorstellen können.Derzeit, in der Umbruchphase, gibt es noch einige Rückschritte.Viele Filme, die digitale Effekte einsetzen, wirken steif, fast peinlich.Das war bei der Einführung des Tonfilms ähnlich. TAGESSPIEGEL: Noch einmal zum Thema Gewalt.Sie sind in Cannes dieses Frühjahr selbst Opfer eines Überfalls geworden - hätten Sie sich da keine Überwachungskamera gewünscht? WENDERS: Ich hätte mir soviel Geistesgegenwart gewünscht, deren Kennzeichen selbst aufzuschreiben.Als wir vor unserem Haus angekommen waren, hielt ein Motorrad an.Zwei Leute mit Helmen öffneten beide Türen und schrien uns an.Dann griffen sie unsere Taschen und verschwanden.Am wütendsten machte mich, daß die Motorradfahrer mir noch den Mittelfinger zeigten, bevor sie losfuhren.

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