Zeitung Heute : Oskar Lafontaine?
„Namen sind Nachrichten“ besagt ein ehernes Gesetz im Journalismus. Oskar Lafontaine würde nach der Wahl vielleicht gern Finanzminister werden. Wäre das eine gute Nachricht? Wir überprüfen täglich die Amtstauglichkeit eines Spitzenpolitikers – bis zur Wahl.
AMT: Ministrabel ist er. Mit der Liste seiner Ex-Ämter könnte man locker das 31-seitige Programm seiner neuen Heimat, der Linkspartei, füllen. Elf Jahre Bürgermeister, 13 Jahre Ministerpräsident, ein Jahr Bundesratspräsident. Doch sein Traumjob währte nur kurz: Nach 136 Tagen, am 11. März 1999, das Aus, die Flucht aus dem Amt des Bundesfinanzministers, ohne Begründung, mit einem Sechszeiler an Kanzler Gerhard Schröder.
Die Freunde im Stich gelassen – Ottmar Schreiner, damals SPD-Bundesgeschäftsführer, Johannes Rau, den langjährigen Weggefährten, der dabei war beim Attentat 1990, das Lafontaine nur knapp überlebte. 11. März 1999: Schröder sitzt minutenlang stumm vor dem Rücktritts-Fax. Die Sprache hat Schröder wiedergefunden. Lafontaine auch.
AMBITIONEN: Die Fähigkeiten hat er, aber welcher Ehrgeiz treibt ihn wirklich? Mit Straßenbahnen fing er an, 1971, bei der Saartal AG. Als Physiker! Programmatisch hat er die SPD in den 80er Jahren herausgefordert und von seiner Partei Flexibilität bei Arbeitszeiten und Arbeitszeitverkürzung verlangt ohne Lohnausgleich. Als Kanzlerkandidat hat er den Ostdeutschen bei der Wiedervereinigung die Wahrheit gesagt. Warum er sein Ministeramt aufgab, bleibt im Dunkeln – einer der Gründe, warum man die Frage nach den Ambitionen kaum beantworten kann. Ist er gegangen, weil er sein Ziel einer nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik – mehr Löhne, mehr Schulden, wenn dafür der Konsum steigt – nicht durchsetzen konnte? Oder lag es nicht doch nur daran, dass der Machtmensch Lafontaine das Machtspiel gegen den Machtmenschen Schröder nicht gewinnen konnte?
Es spricht einiges dafür, dass seine Ambitionen eher Rache als inhaltlicher Art sind. Rache an Schröder, den er unterschätzt hatte, von dem er dachte, als Parteivorsitzender hätte er ihn im Griff. Rache vielleicht auch an sich selbst. Lafontaine wird auch getrieben – von seiner Flucht, von dem Stigma, sich weggeduckt zu haben.
AUSSICHTEN: Natürlich hat er keine Chance. Da kann Klaus Wowereit noch so sehr über neue Bündnisse in vier Jahren reden. Wenn sein Motiv aber Rache ist, dann hat er gute Aussichten: Die SPD hat er in den Zweifrontenkrieg getrieben, Müntefering mit seiner Kapitalismuskritik wirkt neben ihm wie eine schlechte Kopie. Als Oppositionsführer und Fraktionschef kann der blendende Rhetoriker auftrumpfen. Es wird ihm Freude machen, eine Zeit lang. Wenn er wirklich zurück will an die Macht, muss er viel Geduld mitbringen. Noch liegt die SPD nicht in Trümmern, noch ruft keiner nach dem Retter, der die Linke vereint.
WAHRSCHEINLICHKEIT: Einen Finanzminister Lafontaine wird es nicht mehr geben, das ist sicher. Vielleicht aber den seltsamen Effekt, die SPD in die große Koalition getrieben zu haben. Gerhard Schröder ist dann weg. Wenn das Lafontaines Ziel war, hätte er es erreicht.





