Zeitung Heute : „Ost-Berlin roch wie Istanbul“

Emine Sevgi Özdamar ist zeitlebens auf dem Sprung gewesen. Deshalb lässt sie überall ihren Mantel an.

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Emine Sevgi Özdamar, 58, wuchs in der Türkei auf. Mit 17 kam sie nach Deutschland und arbeitete zwei Jahre in einer Elektrofabrik. 1976 ging sie als Schauspielerin nach OstBerlin, sechs Jahre später schrieb sie ihr erstes Theaterstück. Es folgten zahlreiche Erzählungen und Romane, vergangenes Jahr wurde ihr der Kleist-Preis verliehen. Interview: Annabel Wahba Frau Özdamar, erinnern Sie sich an Ihr erstes deutsches Wort?

Haltestelle. Ich wollte mir den Namen der Busstation aufschreiben, um bei der Rückfahrt zu wissen, wo ich aussteigen muss. Ich bin dann natürlich falsch ausgestiegen. Vor vier Jahren hatte ich in Amsterdam ein Stipendium, da habe ich in der ersten Nacht auch nicht nach Hause gefunden, weil ich mir anstatt des Namens schon wieder das Wort für Haltestelle notiert hatte.

In „Mutterzunge“ schreiben Sie: „Die Zunge hat keine Knochen, ich drehte meine Zunge ins Deutsche, und plötzlich war ich glücklich.“ So leicht fällt es Ihnen, eine Fremdsprache zu lernen?

Das ist natürlich nur eine Metapher. In einer Gruppe von Leuten, deren Sprache du nicht sprichst, fühlst du dich wie ein Kind. Als ich mit dem Regisseur Benno Besson nach Frankreich ging, machte er jedes Wochenende ein Fondue-Essen. Ich konnte kein Französisch, anfangs war das für mich so, als säßen alle auf Stühlen, nur ich sitze auf der Erde und gucke von unten zu denen hoch. Ich erinnere mich sehr ungern an diesen Moment. Plötzlich ist deine Geschichte weg, du existierst nicht, wenn du nur fünf oder sechs Wörter kannst.

Wie ging es Ihnen in der ersten Zeit in Deutschland?

Ich bin als Gastarbeiterin hierher gekommen und habe in einer Fabrik gearbeitet. Ich liebe das Wort Gastarbeiter: Ich sehe zwei Personen vor mir, eine ist Gast, und die andere arbeitet. Damals war ich 17 und habe das Abenteuer gesucht, es ging mir nicht ums Geldverdienen. Ich lebte in einem Frauenwohnheim mit lauter Griechinnen und Türkinnen, was ich sehr komisch fand: Da hatte ich diese weite Reise gemacht, um wieder mit Türkinnen zu leben. Ich habe dann am Goethe-Institut Deutsch gelernt und habe mir ein paar Stücke von Brecht am Berliner Ensemble angesehen. Nach zwei Jahren kehrte ich in die Türkei zurück, um auf die Schauspielschule zu gehen. Ich hatte mir ja schon mit zwölf geschworen, Schauspielerin zu werden.

Sie waren sich da sicher?

Weil alles, was im Leben schwierig ist, im Theater leicht ist. Die Liebe, der Tod, am Theater stirbst du und stehst wieder auf. Dann wäschst du dir das Blut ab, gehst in die Kantine und trinkst ein Bier.

Aber nebenher gibt es auch ein echtes Leben.

Mit dem realen Leben kam ich manchmal nicht klar. Nach dem Tod meiner Mutter musste ich vier Stunden lang im Taxi dorthin fahren, wo sie gestorben war. Und während der ganzen Zeit glaubte ich, wenn ich da bin, wird sie mir die Tür aufmachen: Sie ist gar nicht gestorben, sie ist vielleicht tot, aber sie wird aufstehen. Genau wie ich das vom Theater kannte.

Theater als Flucht vor der Realität.

Natürlich auch. Aber bei mir waren es vor allem Persönlichkeiten wie Ernst Busch und Bertolt Brecht, die mich ans Theater banden. Als ich in die Türkei zurückkehrte, hatte ich Schallplatten mit Brecht-Liedern dabei. Die habe ich täglich angehört und meinen türkischen Freunden vorgesungen. Während des Militärputsches in den 70er Jahren hat mir die Brecht’sche Sprache sehr geholfen. Sie hat mir eine Utopie versprochen. Und Brechts Erfahrung mit dem Faschismus wurde plötzlich auch meine Erfahrung in der Türkei. Da sind Leute eines Nachts einfach verschwunden, du durftest niemals in der Nähe der Wohnungstür sitzen, weil dich eine Kugel hätte treffen können. Ich hatte das Gefühl, dass das Meer schwarz geworden ist.

Welche Sätze haben da geholfen?

„Gott sei Dank geht alles schnell vorüber / Auch die Liebe und der Kummer sogar. / Wo sind die Tränen von gestern Abend? / Wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr?“ Ich hatte das Gefühl, dass meine türkischen Wörter krank geworden waren. Man sagt, in einem fremden Land verliert man die Muttersprache. Man kann aber auch im eigenen Land die Muttersprache verlieren. Wenn du das Gefühl hast, du musst die Wörter verstecken und die Bücher ins Meer werfen.

Bücher, die plötzlich verboten waren.

Der Militärputsch hat das Land zur Taubstummenschule gemacht. Deswegen wollte ich nach Deutschland und mit einem Brecht-Schüler arbeiten. Denn Brecht hatte eine Sprache. Vielleicht, hoffte ich, werden meine krank gewordenen türkischen Wörter dadurch wieder zu sich kommen.

Sind Menschen, die aus ihrer Heimat geflohen sind, die besseren Autoren, weil sie ein bewegtes Leben hinter sich haben?

Wenn man sich auf den Weg macht, dann wird das Land, das man verlassen hat, in der Erinnerung magischer. Die Bilder werden größer. Aber ein Schriftstellerkollege in der Türkei hat einmal zu mir gesagt: Ich gehe nur in meinem Zimmer auf die Reise. Und wenn ich mir einen 90 Jahre alten Fischer auf einer Insel ansehe, der seit 70 Jahren auf demselben Stuhl in seinem Stammcafé sitzt, dann glaube ich dem auch, dass sein Leben ein Roman ist.

Helfen starke Gefühle wie Sehnsucht und Heimweh beim Schreiben?

Mein erstes Theaterstück „Karagöz in Alemania“ handelt von dieser Sehnsucht. Ich bin früher öfter mit dem Zug in die Türkei gefahren, da saß ich stundenlang mit griechischen, türkischen und jugoslawischen Arbeitern im Abteil. Damals habe ich erlebt, wozu Menschen fähig sind, wenn sie Sehnsucht haben. Zwei jugoslawische Bauarbeiter hatten sich zum Beispiel absichtlich ihre Finger durch einen Hammerschlag gebrochen, damit sie krankgeschrieben werden und für zwei Wochen nach Hause fahren konnten.

Von Else Lasker-Schüler, die als Jüdin von Berlin nach Jerusalem emigrieren musste, erzählt man, sie habe sich nie zurechtgefunden in der Fremde. Selbst in der größten Hitze ging sie im Pelz auf die Straße.

Mit dieser Frau wäre ich gerne Arm in Arm durch die Straßen Berlins gelaufen. Die 20er Jahre in Berlin sind eine Zeit, nach der ich richtige Sehnsucht verspüre. Und ich kann Else Lasker-Schüler sehr gut verstehen. Ich lasse auch am liebsten meinen Mantel an. Im Restaurant, im Zug, selbst wenn ich bei Freunden eingeladen bin. Die werden dann ganz kribbelig, weil sie meinen, ich will gleich wieder gehen. Aber das kommt davon, wenn man so viel rumgekommen ist. Für mich ist mein Mantel wie eine Wohnung. Manchmal ist mir sogar heiß, und ich schwitze, aber diese Bewegung: Mantel an- und wieder ausziehen, habe ich verlernt.

Hier in Ihrer Wohnung tragen Sie ihn nicht.

Nein, da ziehe ich meinen Mantel schon aus.

Wer lange im Ausland ist, kennt diese Freude: plötzlich seine eigene Sprache zu hören. Ist Türkisch für Sie ein Stück Geborgenheit?

Ja, denn Sprache ist eine körperliche Erfahrung. Ich sage, dass meine deutschen Wörter keine Kindheit haben. Türkisch hingegen habe ich von Menschen gelernt, die ich liebe, von meiner Großmutter zum Beispiel. Die Wörter, die ich von ihr lernte, sind in meinem Körper drin. Mit all den Gefühlen, die ich mit ihr verbinde.

Die Erinnerungen an Ihre Kindheit haben Sie aber, wie alle Ihre Texte, auf Deutsch geschrieben. Mussten Sie für „Das Leben ist eine Karawanserei“ die Worte Ihrer Großmutter erst im Geiste übersetzen?

Ich habe gar nicht darüber nachgedacht, in welcher Sprache ich schreibe. Die Erinnerungen trägt man ja auch als Gefühle mit sich. Dieses Buch ist eine Identitätssuche, und die Identität sucht man in einem fremden Land anders als im eigenen. In einem fremden Land kommt einem das ehemalige Leben wie eine antike Stadt vor, man gräbt tiefer. Es ist kein Zufall, dass der Roman im Mutterbauch anfängt. Auch diese ersten Sätze: „…ich stand da im Bauch meiner Mutter zwischen den Eisstangen, ich wollte mich festhalten und fasste an das Eis und rutschte...“ Da ist die Haltlosigkeit drin, die man empfindet, wenn man sich auf den Weg macht.

Für Sie gab es einen handfesten Grund, die Türkei zu verlassen.

Die Polizei hat mich 1975 drei Wochen lang festgehalten. Ich war zusammen mit einem Freund nach Anatolien gefahren, bis zur persischen Grenze. Wir hatten gelesen, dass die Bauern dort verhungern. Wir haben mit den Menschen gesprochen, und ich habe dann eine Reportage über die Hungersnot in einer Istanbuler Zeitung veröffentlicht.

Nachdem man Sie wieder freigelassen hatte, sind Sie geflohen.

Es ging mir um die Wörter, die man verstecken musste. Es ist sehr gefährlich, wenn du in einer Sprache unglücklich wirst. Das ist wie mit Liebesgeschichten. Wenn irgendwann die Sprache anders wird zwischen zwei Leuten, die sich geliebt haben, wenn der Streit anfängt, dann wirst du auch unglücklich. Und dann gehst du weg, weil es dich krank macht. Ich stand vor diesem schwarzen Meer und sagte mir: Ich muss hier weg. Und was Brecht mir versprochen hat, ist auch wahr geworden: Der Traum, mit einem Schüler von ihm zu arbeiten. Und diesen Traum habe ich in deutscher Sprache verwirklicht.

In vielen Ländern verbindet man mit der deutschen Sprache nichts Positives.

Das habe ich in Holland erlebt. Ich hatte eine Freundin, die war Jüdin, und obwohl sie Deutsch konnte, wollte sie lieber Französisch mit mir sprechen. Ein andermal kam bei meiner Buchvorstellung Johan Cruyff auf mich zu, der berühmte Fußballer. Ich dachte mir, dass er vielleicht auch nicht gerne Deutsch sprechen will und bot ihm an, Französisch zu reden. Aber er hatte damit kein Problem.

Wie war das, als Sie nach neun Jahren in der Türkei plötzlich 1976 vor Benno Besson in Ost-Berlin standen? Sie sagten einfach: Hier bin ich?

So ungefähr. Freunde hatten mir ein Buch über ihn geschickt. Und ich wollte unbedingt zu ihm. Wäre er in Uganda gewesen, ich wäre dorthin gegangen. Ich habe sieben Stunden in der Volksbühne auf ihn gewartet. Dann traf ich ihn und sagte: „Herr Besson, ich bin gekommen, um von Ihnen das Brecht-Theater zu lernen.“ Er schob seine dicken Augenbrauen hoch und sagte: „Willkommen.“ Schon mit dem ersten deutschen Wort nach neun Jahren bin ich glücklich geworden. Nach vier Monaten Hospitanz haben sie mich als Erste Assistentin engagiert und bald habe ich selber gespielt.

Ihr Buch „Seltsame Sterne starren zur Erde“ handelt von dieser Zeit. Darin haben Sie auch Ihre Tagebücher von damals veröffentlicht.

Ich fand das dramaturgisch richtig für ein Land, das es nicht mehr gibt. Ich wollte ja nicht mit dem heutigen Blick darüber schreiben, sondern aus den Augen dieses Mädchens, das ich damals war. Ich hatte zu der Zeit furchtbare Sehnsucht nach der Stimme meiner Großmutter, nach ihren Kleidern mit den Blumenmustern. Manchmal, wenn ich diese Sehnsucht spürte, bin ich vom Westen, wo ich in einer WG wohnte, rüber nach Ost-Berlin gefahren.

Was bitte hat Ost-Berlin mit Istanbul gemeinsam?

Die Luft roch genauso. Später hat mir mal jemand erklärt, dass es daran liegt, dass sie in beiden Städten die gleiche Benzinsorte benutzten.

In Ihr Tagebuch schrieben Sie einmal, als Sie nach Ost-Berlin fuhren: „West-Berlin liegt wieder 1000 Jahre hinter mir.“

Diese Mauer war für mich nicht aus Beton, das war eine Epochenmauer. Ich habe diese beiden Stadtteile nie in meinem Kopf zusammenbringen können: Meine WG in Wedding war nicht weit weg von Pankow, wo ich immer mal wieder bei einer Freundin wohnte. Wenn ich dann aber von der Volksbühne in den Westen fuhr, habe ich immer gestaunt: „Ach, hier schneit es auch.“ Ich wechselte ständig in eine andere Zeit. Auch die Spracherfahrung war anders. In West-Berlin sagte man zum Beispiel Zweierbeziehung, in Ost-Berlin hörte ich diesen Begriff nie. Im Westen standen überall Sätze geschrieben, an den Toilettentüren, den Hauswänden, das war ja wie Bürgerkrieg damals, und auf der anderen Seite war nirgendwo ein Wort zu sehen.

Wie konnten Sie eigentlich von Ihrem Ostgehalt im Westen leben?

Meine Freunde in der WG haben keine Miete von mir verlangt. Ich habe dafür Sachen aus Ost-Berlin mitgebracht, habe für uns alle Heines Gesammelte Werke gekauft und Maurerjacken. Manchmal habe ich auch im Westen gejobbt, Tapeten geklebt und solche Sachen. Ich hatte aber auch keine hohen Ansprüche, ich habe zum Beispiel nur zwei Blusen gehabt, weil ich nicht mehr wollte. Das war eben ’68.

Lesen auch junge Türken in Deutschland Ihre Bücher? Viele Ihrer Erzählungen spielen in einem Milieu, das ihnen womöglich sehr fremd ist.

Manche kommen sogar nach meinen Lesungen zu mir und umarmen mich. Eine junge Frau fragte mich mal: „Ist das Ihr Leben, worüber Sie schreiben?“ Ich antwortete: „Sie müssen mir nicht glauben, wenn ich mit einem Ja antworte.“ Darauf erwiderte sie: „Doch, ich glaube Ihnen, weil es auch mein Leben ist.“ Sehr pathetisch. Und nach einer Lesung aus „Die Brücke vom Goldenen Horn“...

...wo es um eine junge Türkin in den 60ern geht, die sich in der Berliner Studentenszene bewegt...

…da haben mich zwei Mädchen gefragt: „Wie ist das nun, soll man vor der Ehe Jungfrau bleiben oder nicht. Empfehlen Sie uns, dass wir auch mal revoltieren?“ Ich habe ihnen natürlich keinen Rat gegeben, sondern gesagt: Ihr macht das, wie ihr wollt. Die Zeit, in der meine Heldin lebt, ist ja eine andere, da war man geschützter. Das gehörte damals auch zur Karriere, dass man revoltierte und wurde auch von den Männern hoch gelobt.

Die Zeit, als das Private politisch war.

Ich war aber nicht im herkömmlichen Sinn politisch. Das Theater war mein politischer Ort. Ich hatte Angst vor der Theorie, denn nicht nur während der antidemokratischen Jahre in der Türkei verarmte die Sprache. Auch die Sprache der Linken verarmte, weil sie so theoretisch war. Diese Ausdrucksweise musstest du aber lernen, um zu dieser Bewegung zu gehören. Dabei vergaß man vollkommen die Schönheit der eigenen Sprache.

Deutsch ist eine sehr präzise Sprache. Es gibt Wörter für jedes Detail.

Ich habe bei einer Freundin beobachtet, dass sie immer, wenn sie deutsch sprach, wie ein Wissenschaftler redete, der einen Vortrag hält. Wenn sie dann aber türkisch sprach, wurde ihre Sprache wieder sehr schön. Also diesen Kalt-Warm-Wechsel habe ich selten so stark erlebt wie bei ihr. Ich sagte dann zu ihr: Sag mal, wieso lässt du dich erziehen von einer Sprache?

Und was tun Sie dagegen?

Ich beiße mir auf die Zunge, um bestimmte Wörter nicht zu verwenden. Und eine Zeit lang habe ich jeden Morgen laut Heinrich Heine gelesen. „Es treibt dich fort von Ort zu Ort, / Du weißt nicht mal warum; / Im Winde klingt ein sanftes Wort, / Schaust dich verwundert um.“ Der Tag ist wunderbar danach.

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