Ostdeutschland : Im Transit

Von Stephan-Andreas Casdorff

Halt, stopp, Zonengrenze. Die Ausweispapiere! Einreise erst ab 60 Jahren gestattet. – So klingt, was gegenwärtig über den Osten zu lesen ist. Nein, niemand hat die Absicht, eine Mauer der Abschätzigkeit zu errichten; es ist nur so, dass laut Statistischem Bundesamt Ostdeutschland einerseits vergreist und andererseits eine Perspektive sucht. Ist das dann nicht eine: der Osten, Altersheim der Republik, Reservat für Senioren? Also: Vergreisen nach Plan?

Die Bevölkerung in Ostdeutschland wird bis 2050 mehr als doppelt so schnell schrumpfen wie im Westen. Auch die zunehmende Alterung trifft den Osten härter. Kommen derzeit noch 35 Senioren auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter von 20 bis 65, so werden es 2050 bereits 80 sein. Und die Geburtenrate sinkt.

Zugleich machen ältere Menschen rüber – in den Osten. 35 000 Menschen über 65 sind seit 2000 umgezogen, und es sollen noch mehr werden, wenn es nach den Stadtwerbern geht. Immerhin stehen Hunderttausende Wohnungen in schönen Lagen bei günstigeren Lebenshaltungskosten als im Westen leer. Liegt darin die Zukunft, aus Ruinen aufgebaut? Die Antwort: möglicherweise ja, ein Teil zumindest. Denn die jungen Menschen reißen aus, suchen sich eine neue Heimat im Westen. Selbst im boomenden Sachsen steigt das Durchschnittsalter so, dass der Ministerpräsident sich „qualifizierte Zuwanderer“ wünscht – junge. Wie soll es da erst in Regionen sein, wo Menschenleere und Stellenleere einander begegnen? Aus dieser Erfahrung stammt die Hoffnung auf eine Aufschwungsformel, die lautet: Solvente Rentner schaffen dauerhafte Jobs für preiswerte, junge Pflegekräfte.

Doch kann das nicht alles gewesen sein. Des Glückes Unterpfand sind weder Alte noch touristisch erblühende Landschaften. So viele Pflegekräfte könnte das Biotop Ostdeutschland gar nicht generieren; zumal die Alten immer rüstiger werden. Darum: Den Versuch der Ansiedlung von Unternehmen aufzugeben, wäre staatlicher Defätismus. Jede andere These klingt bloß interessant.

Ein Fakt verdient aber besonders herausgehoben zu werden. Er wird in Gesamtdeutschland von der Politik einem Kartell des Schweigens unterworfen. Da wird über einzelne Wirkmechanismen des Arbeitsmarkts gesprochen – aber nicht ehrlich darüber geredet, dass keine Einschränkung der Leistungsgesetze zur Vollbeschäftigung herkömmlicher Art führen wird, gleich in welcher Definition. Als höheres Ziel ist es vielleicht richtig, als Plan, nur ist es in der täglichen Realität nicht immer anwendbar. Auch in dieser Hinsicht bietet Ostdeutschland Anschauung. Wer Solarzellen herstellt, beschäftigt keine Massen.

Was tun? Wie der (ostdeutsche) Soziologe Wolfgang Engler eine neue Arbeitsgesellschaft denken. Was macht den Menschen für ein Selbstverständnis jenseits der Erwerbsarbeit fit? Wie organisiert man eine Gesellschaft so, dass Teilzeitarbeit, Sabbatjahre oder Vorruhestand, sogar ein Dasein ganz ohne „Beruf“ als befriedigend erlebte Gelegenheit für andere Tätigkeiten aufgefasst werden? Für Tätigkeiten, die Gemeinsinn fördern und Arbeitsethos? Da gewinnt Altenpflege ihren Sinn. Und fördert das Recht auf Einkommen, wo das Recht auf Arbeit an seinem Ende angelangt zu sein scheint.

Ostdeutschland kann zeigen, wie es sich mit dem neuen Altersbegriff und einem neuen Arbeitsbegriff lebt. Als Zone der Erneuerung. Wenn das keine Perspektive ist.

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